Verrückt sein heißt nicht bescheuert sein

Bilder deiner großen Liebe

Häufig hat es einen guten Grund, dass Romane, die ein Schriftsteller zu Lebzeiten nicht publiziert, unveröffentlicht bleiben sollten. Ganz anders sieht es beim neuen Roman „Bilder deiner großen Liebe“ des 2013 verstorbenen Wolfgang Herrndorf aus. Kurz bevor er sich das Leben nahm, bestimmte Herrndorf, dass nicht Unvollendetes von ihm erscheinen solle. „Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen, Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben“, schrieb er in seinem Testament.

Ich muss zugeben, dass Herrndorfs letzter Roman gleichzeitig mein erster ist. Ich hatte Tschick nicht gelesen und auch die anderen Bücher nicht. Aber schon den ersten Satz in diesem letzten Werk fand ich großartig. Ohne Zweifel hat er es auf Anhieb auf die Liste meiner liebsten Romaneinstiege geschafft.

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist,
und nicht bescheuert.“

„Bilder deiner großen Liebe“ erzählt von der verrückten, aber eben nicht bescheuerten Isa. Das Mädchen lauft aus einer psychiatrischen Anstalt fort und macht sich auf die Reise, barfuß und immer geradeaus. In der Hosentasche hat sie ihr Tagebuch dabei, sonst eigentlich nichts, außer einem Gegenstand in der vorderen Tasche, von dem sie vergessen hat, was es ist. Auf dem Weg zwischen Schlafplätzen im Freien und Einbrüchen, um sich etwas zu essen zu ergattern, trifft Isa unterschiedlichste Leute. Einen Bauarbeiter, der ihr die Zeit erklären will, jugendliche Halbstarke oder den Binnenschiffer, der früher Bankräuber war. Neben diesem Roadtrip schweift Isa immer wieder ab in Nebenerzählungen und Gedanken, wie etwa die Geschichte zu dem „Gut Hohenbuchen“, die sie sich ausdenkt.

Der erste Hinweis auf diesen Roman fand man in Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“ in einem Eintrag vom 19.6.2011: „Tschick-Fortsetzung aus Isas Perspektive angefangen. Mach ich aber nicht. Mach ich nicht. Nachwehen der Briefe.“ Hier schrieb er über sein Leben nach der schweren Krebserkrankung, die ihn dazu veranlasste, sich das Leben zu nehmen. Auch die Pistole, mit der Herrndorf sich 2013 erschoss, spielt so gesehen eine Rolle in dem Roman: „Ich halte die Waffe genau senkrecht hoch und sehe mit offenem Mund der Kugel hinterher, sehe sie steigen, sehe sie immer kleiner und kleiner und fast unsichtbar werden im tiefdunklen blauen Himmel, bevor sie sich aus dem Verschwundensein wieder materialisiert und zu fallen beginnt, millimetergenau zurück in den Lauf der Waffe.“ So lautet der letzte Satz des Buches. Bewegend. Ich werde die vorhergegangenen Herrndorf-Romane lesen. Unbedingt.


U1_978-3-87134-791-7.inddWolfgang Herrndorf:

Bilder deiner großen Liebe – Ein unvollendeter Roman
Taschenbuch: 144 Seiten
rororo (27. November 2015)
9,99 EUR

Hier geht es zur Leseprobe beim Rowohlt-Verlag.

 
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