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Christine Wunnicke – Katie

England im Viktorianischen Zeitalter. Nicht nur die Naturwissenschaften entwickeln sich weiter, auch der Spiritismus erlebt seine Blüte. Auch Bürger aus gut situierten Kreisen interessieren sich für übernatürliche Phänomene, Seancen mit und ohne sogenannte Medien sind in Mode. Ein solches Medium ist die sechzehnjährige Florence Cook. In öffentlichen Darbietungen lässt sie sich fesseln und in einen Schrank sperren, um eine Erscheinung zutage zu fördern, die zur Sensation wird. Cook materialisiert den Geist der 1673 verstorbenen Katie, Tochter des berühmten Freibeuters Henry Morgan, Kindes- und Gattenmörderin.

Der Chemiker und Physiker William Crookes wird mit dem Fall betraut und soll ein auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhendes Gutachten erstellen. Auch unter Laborbedingungen gelingt es Florence, den Geist der Piratentochter zu beschwören.

„Eine fremde junge Frau kam barfuß aus dem hinteren Teil des Labors. Sie trug ein weißes Kleid oder Hemd und über dem Kopf, über anscheinend offenem blondem Haar, ein weißes Tuch, das auf ihre Schultern herabfiel. […] Ihre Lippen waren schwarz im niedrigen Gaslicht, die Augen blass. Keine Farben waren in dieser Frau. Sie sah aus wie ein Lichtbild.“

Florence Cook wird zu einer Art Popstar oder wie es im Klappentext des Buches heißt zum „It-Girl der Branche“. Dort heißt es ebenfalls, es sei alles wahr, was in diesem Roman steht. Und tatsächlich gab es den Wissenschaftler William Crookes (1832-1919), der die Kathodenstrahlen sichtbar gemacht, die Grundlagen der Lumineszenz und der Isotope entdeckt und Methoden zum Nachweis radioaktiver Strahlung entwickelt hat. Ebenso erregte Mitte der 1870er Jahre der Fall um Florence Cook und die Materialisierung einer gewissen Katie King die Gemüter.

William Crookes
Wissenschaftler und Parapsychologe William Crookes (Foto: Wikimedia)

Christine Wunnicke versteht es glänzend, mit historischen, hier insbesondere naturwissenschaftlichen Themen zu spielen und diese auf eine kluge und humorvolle Weise in anspruchsvolle, fesselnde Literatur zu verwandeln. Sie verwebt dabei gekonnt Fakten mit Fantasie, ebenso wie in der geschilderten Zeit auch die Grenzen zwischen Wissenschaften und Pseudowissenschaften, zwischen Erklärbarem und Übernatürlichem verschwommen. So manche naturwissenschaftliche Entdeckung war damals nicht weniger ungewöhnlich als die vermeintliche Kontaktaufnahme mit Toten. So soll beispielsweise der Morse-Apparat ursprünglich von Morse erfunden worden sein, um mit seinem verstorbenen Bruder zu kommunizieren.

Mit Katie hat Wunnicke es nach Der Fuchs und Dr. Shimamura direkt zum zweiten Mal auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Ihr ist damit ein großartiger Roman gelungen, in dem vor allem aus heutiger Sicht auf die historischen Fakten deutlich wird, dass es den sogenannten objektiven Wissenschaften mitunter an Objektivität fehlt und die wahrgenommene, die empfundene Realität nicht immer der tatsächlichen Wirklichkeit entspricht, so es denn eine solche gibt.

 

Christine Wunnicke
Katie
176 Seiten
Berenberg Verlag
EUR 22,00

 

1 Kommentar zu “Christine Wunnicke – Katie

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