Die Stimmen des Flusses

„Er starb den Heldentod für Gott und Vaterland“

So steht es auf dem Grabstein von Jose Oriol Fontelles Grau – 1944 gestorben als Dorfschullehrer in dem katalanischen Städtchen Torena. Unter der Inschrift das faschistische Pfeilbündel der Franquisten. 2001, fast sechzig Jahre nach seinem Tod, entdeckt die Lehrerin Tina Bros hinter einer alten Schultafel versteckte Hefte von diesem Oriol. „Geliebte Tochter, ich kenne nicht einmal Deinen Namen, aber ich weiß, dass es Dich gibt. Ich habe Angst vor dem, was sie Dir über mich erzählen könnten, vor allem Deine Mutter.“

Allgemein ist im Dorf bekannt, dass der Lehrer gemeinsame Sache mit den Faschisten gemacht hat. Aber es tun sich neue Fragen auf. War er vielleicht doch im Geheimen ein Widerstandskämpfer und was geschah mit seiner Tochter, die er nie kennenlernen konnte, weil seine Frau Rosa Anfang des Jahres 1944 hochschwanger Torena verließ. Fragen, die die Lehrerin Tina nicht mehr loslassen und sie veranlassen, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Der Bürgerkrieg 1936 bis 1939 zerriss Spanien zutiefst. Der 1947 in Barcelona geborene Jaume Cabré schrieb sieben Jahre lang an seinem dramatischen Roman von Liebe, Hass, Grausamkeit, Schuld und Rache. Die vielschichtige Geschichte verbindet unterschiedliche Zeitebenen und Erzählstränge, die dem Leser verdeutlichen, dass auch Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg und nach der Herrschaft des Diktators Franco nicht alle Wunden in diesem Land verheilt sind. Dabei sind Cabrés Charaktere ausgesprochen differenziert. Es gibt nicht den eindeutig Schuldigen und das Opfer. Er zeigt Menschen, die abwägen, die zweifeln, die innerlich zerrissen sind. Wie lange kann man in mitten des Verrats aufrecht und standhaft bleiben? Und was ist wirklich wahr, was ist Manipulation?

Die Stimmen des Flusses ist nicht nur ein spannendes, sondern auch im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen in Katalonien sehr interessantes Buch. Denn auch nach einem Dreiviertel-Jahrhundert gibt es noch immer Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen, die ebenso wie die Basken unter Franco stark gelitten und in ihrer kulturellen Identität beschnitten wurden.

diestimmendesflussesJaume Cabré
Die Stimmen des Flusses – Roman

Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt

Erschienen: 2008
suhrkamp taschenbuch, 666 Seiten
ISBN: 978-3-518-46049-8

 

3 Kommentare zu “Die Stimmen des Flusses

  1. Pingback: 10 Bücher zum Spanischen Bürgerkrieg – novelero

  2. Lieber Sandro,

    gerne empfehle ich Dir noch einen anderen Roman von Jaume Cabré: „DAS SCHWEIGEN DES SAMMLERS“.

    Die Vielschichtigkeit und den Inhaltsreichtum dieses Romans kann ich hier nur andeuten: Wir finden historische Themen, die Geschichte einer langen Freundschaft mit Höhen und Tiefen, Gedanken über die Wirkung künstlerischen Ausdrucks auf das Leben, die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne, Liebe und Haß, Wahrheit und Lüge, Fragen um Schicksal oder Zufall, die Bedeutung von Schönheit…
    Nachfolgend der Link zu meiner ausfürhlichen Rezension:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/24/das-schweigen-des-sammlers/

    Bibliophile Grüße 🙂
    Ulrike von Leselebenszeichen

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