Ein katalanisches Schauermärchen

Mit „Der Schatten des Windes“ schuf Zafón einen großartigen Roman, an dem sich alle seine Werke messen lassen müssen. Eines dieser Werke ist „Marina“. Im Original bereits 1996/97 entstanden, gehört das Buch zu seinem Frühwerk, was ihm mit seinen fantastischen Elementen durchaus auch anzumerken ist. 

Wir erinnern uns nur an das, was nie geschehen ist“. Diesen Satz legt Zafón dem Mädchen Marina in den Mund. Direkt zu Beginn des Romans erwähnt Óscar Drai, der fünfzehnjährige Protagonist, der wie Zafón selbst ein Internat im Barceloner Stadtviertel Sarrià besucht, diesen Satz. Zum Ende der Geschichte wiederholt er ihn und es beschleicht ihn das Gefühl, dass seine Freundin recht hat.

Von der ersten zarten Liebe zum Kabinett der skurrilen Kreaturen

Eigentlich beginnt Marina ganz unscheinbar und harmlos. Um der Enge des Internats zu entgehen, begibt sich der 15-jährige Óscar auf Streifzüge durch das Villenviertel Sarrià – durch Straße voll verlassener Herrschaftshäusern, die den Glanz vergangener Zeiten nur noch erahnen lassen. Bei einem dieser Erkundungsgänge entdeckt er ein düsteres altes Anwesen, das verlassen und verfallen wirkt. Aus dem Inneren aber hört er den Gesang einer hypnotisierenden Frauenstimme und wagt es, das Haus zu betreten. Dort findet er auf einem Tisch eine goldene Taschenuhr und, als er sie betrachtend in Händen hält, wird er überrascht von einer Gestalt mit riesigen Händen und weißen wehenden Haaren. Erschrocken rennt er fort. Erst später bemerkt er, dass er immer noch die Uhr, die ihm nicht gehört, in der Hand hat. Er fühlt sich als Dieb und beschließt, die Uhr zurückzubringen. So trifft er auf Marina, denn besagtes Haus ist keineswegs verlassen. Sie und ihr Vater Germán, ein Maler, der seit dem Tod seiner Frau nicht mehr malt, leben dort. Und – wie soll es anders sein – Óscar verliebt sich in Marina.

Mehr oder weniger durch Zufall kommen die beiden auf die Spur einer vergangenen und zum Vergessen bestimmten Geschichte. Von einem Friedhof aus folgen sie einer mysteriösen, schwarz verschleierten Frau und gelangen zu einem alten Gewächshaus, wo sie ein Fotoalbum mit den Abbildungen von Menschen mit übelsten Missbildungen finden. Und hier beginnt es düster, skurril und fantastisch zu werden, als menschenähnliche Kreaturen, die wie Marionetten an der Decke hängen, beginnen Jagd auf die beiden zu machen.

Protagonist und Autor werden erwachsen

Vor Marina hat Carlos Ruiz Zafón lediglich Jugendromane verfasst. Und so wie diese Geschichte gewissermaßen das Ende der Jugend des Óscar Drai markiert, ist sie auch der Übergang von der Jugend- zur Erwachsenenliteratur für Zafón. Der Autor versteht es, den Leser zu fesseln und düstere, unheilvolle Stimmungen heraufzubeschwören. Marina erreicht noch nicht die literarischen Qualitäten seiner Nachfolgeromane und doch ist bereits hier zu spüren, in welche Richtung es geht und was der Leser in Zukunft erwarten kann. Schade also, dass die Veröffentlichung in Deutschland in umgekehrter Reihenfolge erfolgte.

 

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Carlos Ruiz Zafón: Marina

Roman
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar

S. Fischer Verlag
350 Seiten
Preis € (D) 19,95

 

Wer schon einmal einen ersten Eindruck von Marina gewinnen möchte, kann sich hier anschauen, wie Andreas Pietschmann aus dem Roman liest.

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