Eine Frau zwischen Widerstand und Wissenschaft

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Foto: Nelson Minar / flickr.com (CCo)

Als Mitglied der Résistance geriet Germain Tillion in NS-Gefangenschaft und schließlich ins KZ. Als Wissenschaftlerin war sie ihrer Zeit in vielem voraus. Im Mai diesen Jahres ehrte Frankreich sie mit der symbolischen Beisetzung im Panthéon. Das autobiographische Buch „Die gestohlene Unschuld“ lässt tief das bewegte Leben einer bis zum Schluss engagierten Frau blicken.

Als junge Ethnologin verbrachte Germaine Tillion die Jahre zwischen den zwei Weltkriegen im algerischen Aurès-Gebirge, um das dort lebende Berbervolk zu erforschen. Ihren ersten Forschungsaufenthalt begann sie 1934, vermittelt durch den französischen Ethnologen Marcel Mauss. Bis 1940 folgten drei weitere Aufenthalte. Ethnologie sieht Tillion als einen Austauschprozess zwischen zwei Kulturen: „Die Ethnologie ist ein Dialog mit einer anderen Kultur, ein Hin und Her, und bei jeder Bewegung verändert sich etwas, nicht nur auf einer Seite, sondern auf beiden.“

Widerstand aus patriotischer Demütigung

1940 kehrt Tillion in ein von den Nationalsozialisten besetztes Frankreich zurück. Als sie über den Rundfunk von dem einer Kapitulation gleichkommenden Waffenstillstandsangebot von Marschall Philippe Pétain hört, muss sie sich übergeben. Sie empfindet dieses Ergeben als tiefe patriotische Demütigung und es ist ihr sofort klar, etwas „unternehmen“ zu müssen. In Paris schließt sie sich der Résistance an und wird Teil der Widerstandsgruppe des Musée de l’Homme. Hier hilft sie bei der Evakuierung englischer Soldaten, besorgt gefälschte Papiere oder leitet beschaffte deutsche Unterlagen nach England weiter.

Jahre der Gefangenschaft

Im Oktober 1943 gerät sie in deutsche Gefangenschaft und wird in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Auch ihre Mutter, die verdächtigt wurde, Mitglied des Widerstands zu sein, wird dorthin gebracht und schließlich mit Giftgas ermordet.

Das KZ ist für sie Ort des Grauens, aber auch Forschungsgegenstand ethnologischer Betrachtungen. Neben Tätern und Opfern findet sie eine Vielzahl an menschlichen Zwischenstufen. In einer Kleiderkiste versteckt schreibt sie die Operette „Le Verfügbar aux Enfers“ (dt. Der Verfügbare in der Hölle). Sie selbst zählt zu der Häftlingskategorie der „Verfügbaren“, die nicht einem bestimmten Bereich zugeordnet sind und überall eingesetzt werden können. Sie überlebt das Lager und kommt bei der Räumung im März 1945 frei.

Vermittlerin im Algerienkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wendet sich Tillion der Aufklärung deutscher Kriegsverbrechen zu und gründet gemeinsam mit David Rousset die Commission internationale contré le régime concentrationnaire, die die Existenz des sowjetischen Gulag aufdeckt und anprangert. 1954, also keine zehn Jahre nach dem großen Krieg, beginnt der Unabhängigkeitskrieg der Algerier. Wie erschreckend muss es für Tillion gewesen sein, dort nahezu die gleichen Mechanismen der Gewalt wieder zu erleben. Umso verständlicher ist es, dass sie beginnt, sich für die algerische Seite einzusetzen. 1957 trifft sie in Algier heimlich einen der Anführer der FLN, Yacef Saadi. Sie möchte der Eskalation von Hinrichtungen und Attentaten ein Ende setzen, leider ohne Erfolg. Aber auch nach dem Algerienkrieg wirkt Tillion in mehreren Projekten gegen die Armut in der algerischen Bevölkerung, gegen die Folter und für die Emanzipation der Frau im Mittelmeerraum mit.

Sie bleibt weiterhin engagiert. Noch 2004 beteiligt sie sich an einem Aufruf französischer Intellektueller gegen die Folter im Irak. Vier Jahre später stirbt Germaine Tillion hundertjährig im französischen Saint-Mandé.

 

Tillion, Germaine: Die gestohlene Unschuld

Übersetzt, herausgegeben und mit einem einführenden Essay von Mechthild Gilzmer

Ausgewählt u. mit einem Nachwort v. Tzvetan Todorov

336 Seiten

ISBN 978-3-932338-68-7

22,00 €

 

 

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