Eine Geschichte des letzten Jahrhunderts

Um es direkt einmal vorwegzunehmen, was mich an Guenassias Roman „Eine Liebe in Prag“ am meisten störte, waren nicht die Allgemeinplätze, mit denen er Menschen in Frankreich, Algerien oder der Tschechoslowakei beschreibt. Nein, es war vielmehr der Titel des Buches bzw. der deutschen Fassung. In der Originalfassung heißt der Roman „„La vie rêvée d’Ernesto G.“, wörtlich übersetzt „Das geträumte Leben des Ernesto G.“ Warum bei der deutschen Übersetzung nun ein so starker Bezug zu Prag hergestellt werden musste, ist mir nicht ganz klar.

Der Held des Roman, Josef Kaplan (richtig: kürzt man den Nachnamen ab, hat man den berühmten Namensvetter Josef K. aus Kafkas „Prozess“), wird in Prag in eine jüdische Ärztefamilie geboren, verlässt jedoch das Land bereits nach ganzen 16 Seiten, um schließlich nach seinem Aufenthalt in Paris, als Forscher nach Algerien zu gehen. In einer abgelegenen Malariastation überlebt er den Holocaust, kehrt nach dem Krieg zunächst nach Algier zurück, wo er auf seine große Liebe trifft, und zieht schließlich gemeinsam mit ihr ins kommunistische Prag. Dort wird seine Tochter Helena  und sein Sohn geboren, er wird Abgeordneter und schließlich flieht seine Frau mit dem Sohn aus dem Ostblock. Eine Familiengeschichte könnte kaum schicksalshafter sein. Der Prager Frühling keimt auf und wird mit Panzern erstickt und Josef zieht sich resigniert in eine Lungenklinik in Kamenice zurück, wo er den kubanischen Patienten Ramón behandelt, der sich als Ernesto Che Guevara entpuppt und sich (natürlich) in seine Tochter verliebt. An seinem hundertsten Geburtstag sitzt Josef in seinem Zimmer und hört – wie so oft in dem Roman – das geliebte „Volver“ vom argentinischen Tangosänger Carlos Gardel.

Es passiert ganz schön viel auf diesen 500 Romanseiten. Ich würde hier nicht von einem historischen Roman sprechen, obwohl übrigens Che Guevaras Reise in die Tschechoslowakei historisch belegt sein soll. Vielmehr ist „Eine Liebe in Prag“ eine Familiengeschichte mit etwas viel Phantasie. Unterhaltsam und abwechslungsreich, da nimmt der Leser die übertriebene Schicksalhaftigkeit auch gerne in Kauf.

Guenassia-Liebe-PragJean-Michel Guenassia: Eine Liebe in Prag
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Insel Verlag 2014
511 Seiten
24,95 Euro

 

 

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