gabriel garcia marquez - leben um davon zu erzählen

Gabriel García Márquez – Leben, um davon zu erzählen

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“

Leben, um davon zu erzählen sollte eigentlich der erste von drei Bänden sein, die Gabriel García Márquez für seine Memoiren veranschlagt hatte. Allein dieser erste Band umfasst schon rund 600 Seiten. Die Fortsetzungen blieb uns der Autor leider schuldig, als er am 17. April 2014 in seiner Wahlheimat Mexico starb. Vergangenen Monat hätte er seinen 90. Geburtstag gefeiert.

„Der Zug hielt an einer Bahnstation ohne Dorf und fuhr kurz darauf an der einzigen Bananenplantage vorbei, an deren Portal ein Name stand: Macondo. Das Wort war mir schon bei meinen ersten Reisen mit dem Großvater aufgefallen, doch erst als Erwachsener entdeckte ich, dass mir sein poetischer Klang gefiel.“

Macondo ist der fiktive Ort, an dem die meisten Erzählungen und Romane Gabos spielen. Vorbild für diese Stadt ist sein Geburtsort Aracataca an der kolumbianischen Karibikküste. Hier beziehungsweise auf dem Weg dorthin beginnt Leben, um davon zu erzählen. Es ist 1950, García Márquez lebt in Baranquilla, wo er eigentlich Jura studieren sollte. Seine Mutter bittet ihn, sie zu begleiten, um das Haus der verstorbenen Großvaters zu verkaufen. Und just an diesem Tag, an dem er sich mit ihr auf die Reise begibt, kommt ihm die Erinnerung daran, „was mich als Kind beeindruckt hatte, aber ich war mir weder sicher, was früher und was später gewesen war, noch was das alles in meinem Leben bedeutete.“ Weiter erzählt er von seinem Großvater, den Oberst im Ruhestand, vom Leben und Lieben seiner Eltern, die zum Vorbild der Protagonisten in Die Liebe in den Zeiten der Cholera wurden, und von der magischen Welt seiner Großmutter, in der es mehr als das Offensichtliche gibt. In seinen Werken finden sie sich alle wieder. Aber Márquez schreibt auch von seinen Erfahrungen mit der Gewalt, die Kolumbien über ein halbes Jahrhundert beherrschte, über die blutigen Aufstände, die repressiven Regimes, die Zensur und den Bürgerkrieg. Und nicht zuletzt beschreibt er, wie er Mercedes Barcha, seine spätere Frau, kennenlernt.

„Wer mich als Vierjährigen gekannt hat, sagt, ich sei blass und nachdenklich gewesen, und habe den Mund nur aufgemacht, um Unsinn zu erzählen. Aber ich erzählte meistens einfache Episoden aus dem Alltag, die ich mit phantastischen Details ausschmückte, damit die Erwachsenen mir zuhörten.“

Leben, um davon zu erzählen bewegt und weckt eine Sehnsucht nach den Erzählungen, in denen Gabriel García Márquez sein Leben, aber auch die Geschichte seines Landes verarbeitet – oftmals sehr spannend, stellenweise aufgrund der Fülle des Materials etwas ermüdend. Um seine Werke, seinen magischen Realismus an sich besser verstehen zu lernen, sollte man dieses Buch jedoch unbedingt lesen.

 

Gabriel García Márquez
Leben, um davon zu erzählen
Titel der Originalausgabe: Vivir para contarla
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
Kiepenheuer&Witsch
608 Seiten
EUR 24,90

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Gabriel García Márquez – Leben, um davon zu erzählen

  1. Dieses Zitat triggert mich immer an: „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“ Ich liebe diesen Satz. Für mich geht es nicht so sehr um den ‚Wahrheitsgehalt‘, denn was ist denn schon die ‚Wahrheit‘, sondern darum, wie wir unsere Biografie interpretieren und welche Art von ‚Story‘ wir daraus machen: Ist es eine, die den Blick auf die schönen Seiten des Lebens wirft, mit Humor und Gespür für die kleinen Kostbarkeiten des Lebens, oder sehen wir nur die Widrigkeiten, die Ungerechtigkeit und das Zu-kurz-Gekommen-sein? Entscheidend für den Moment, in dem uns der Tod erwischt – sind wir zufrieden mit dem Erlebten? Deshalb gefällt mir auch die Lebensabschnitts-Biografie oder, als Genre, das Memoir: Darin erzählt jemand einen Abschnitt aus seinem Leben – und was er glaubt, dass andere daraus lernen können… Ist immer sehr befriedigende Arbeit, Menschen dabei zu begleiten. Oft finden sie auch Formen, die nicht dem klassischen Memoir entsprechen, aber immer geht es um diesen Satz von Marquez.

    Herzliche Grüße aus Berlin von SuDi

  2. Pingback: Leben – warum und wozu? | Schreiben beflügelt !

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