Gastrezension: „Gefährliche Zettel“

Emil Radle wächst in Passau auf, wird ein eifriges Mitglied der Hitler-Jugend und ist dem „Führer“ treu ergeben. Doch dann entdecken seine Freunde Johann und Moritz ein Kurzwellenradio, hören die verbotenen BBC -Übertragungen und realisieren, dass ihr deutsches Staatsradio die Tatsachen verdreht. Die Jungs verbünden sich mit Johanns Schwester Katharina, halten die Sendungen schriftlich fest und verteilen heimlich Flugblätter – ein Akt des Hochverrats, für den ihnen Haft oder Schlimmeres droht. Während der Kriegsjahre vertieft sich Emils Zuneigung zu Katharina. Doch dann werden die Jungen wegen der riesigen deutschen Verluste an die Ostfront geschickt. Emil überlebt die Schlacht, muss aber einiges durchstehen, bis er zu sich selbst und am Ende wieder nach Hause findet.

Die Kanadierin Lee Strauss hat deutsche Wurzeln und lässt die Erzählungen ihrer Verwandten in ihre Alltagsbeschreibungen einfliessen. Das macht ihr Buch sehr lebensecht und realistisch. Emil wirkt zu Beginn des Buches mit seiner Verehrung für das Dritte Reich und seiner Herablassung Bild Leegegenüber seiner Familie nicht sehr sympathisch, doch rasch kommen bei ihm Zweifel auf, und er macht eine spannende und glaubhafte Entwicklung durch. Auch die anderen Charaktere sind gut ausgearbeitet und haben Tiefe. Die geschichtlichen Ereignisse sind geschickt in den Roman eingeflochten, so dass wir sie mit Emils Augen neu erleben: der Siegesrausch zum Kriegsbeginn, die langsam sich steigernde Angst und später die leise Furcht, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann.

„Gefährliche Zettel“ ist ein packender Roman über einen Jungen, der in dieser schwierigen Zeit zum Mann heranwächst, seine Haltung überdenken und Entscheidungen treffen muss. Strauss verzichtet darauf, in jeder Hinsicht ein Happyend zu bieten, was der Geschichte Glaubhaftigkeit verleiht. Dennoch ist es eine Geschichte der Hoffnung und Zuversicht, die einen mit einem guten Gefühl zurücklässt. Auch für Erwachsene empfehlenswert!

 

Über die Gastrezensentin:

Claudia Dahinden ist in der Nordwestschweiz aufgewachsen und hat Zeitgeschichte studiert. 2014 hat sie mit der CD-Buch-Produktion „Hier will ich bleiben“ ihr Debut veröffentlicht. „Gefährliche Zettel“ ist ihre erste Arbeit als Übersetzerin. Claudia ist neben einem Teilzeitjob als wissenschaftliche Mitarbeiterin als freischaffende Autorin, Sängerin und Songwriterin tätig. Aktuell schreibt sie an einem historischen Kriminalroman und bloggt auf www.seelensnack.com über Gott und die Welt.

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