Grablichter am Straßenrand

„Wenn von ‚Kriegsheimkehrern‘ oder dem ‚letzten Krieg‘ die Rede ist, dann denkt man überall in Italien an die ergrauten Köpfe ehemaliger Partisanen. Hier dagegen wimmelt es von blutjungen Kriegsheimkehrern.“

Nach dem durchschlagenden Erfolg seines Debüts „Gomorrha“ musste der 1979 in Neapel geborene Roberto Saviano untertauchen. Zu massiv waren die Bedrohungen geworden, zu real die Gefahr, ermordet zu werden. Seit 2006 lebt der Schriftsteller unter Polizeischutz an ständig wechselnden Orten. Wie das in etwa aussieht, konnte ich bei seiner Lesung im Rahmen der lit.cologne im letzten Jahr in Köln erleben. Spontan entschloss Saviano sich damals, eine Signierstunde zu geben. In den Raum durften immer nur Einzelpersonen, in jeder Ecke standen Leibwächter.

Foto: seleniamorgillo / flickr.com
Foto: seleniamorgillo / flickr.com

„Che l’amore è il contrario della morte“

In den zwei Erzählungen seines zweiten Buches „Das Gegenteil von Tod“ schreibt Saviano über die andere Seite des Lebens in Süditalien. Seitdem „Militär Arbeit und Lohn bedeutet“, so schreibt Saviano, sei der italienische Süden geradezu zu einer Art Soldatenfabrik geworden. Die meisten Söldner, die in den Krieg ziehen – nach Somalia, in den Kosovo, den Irak oder nach Afghanistan – stammen aus den südlichen Provinzen – aus Kampanien, Kalabrien, Sizilien. Die meisten Gefallen ebenfalls. Einer von ihnen ist der 24-jährige Gaetano, der von einer Miene in Afghanistan aus dem Leben gerissen wird. Seine Geschichte erzählt Saviano über die Begegnung mit dessen 17-jährige Verlobten Maria, die versucht, ihren Geliebten mit ihrer Liebe am Leben zu erhalten, mehr über ihn zu erfahren, ihn nicht zu verlieren.

Das Mädchen aus dem Norden

Die zweite Erzählung „Der Ring“ erschien im Original im italienischen Magazin L’Espresso, das auch Savianos Kolumne „L’Antitaliano“ publiziert. Savianos Ich-Erzähler holt nervös und ein Stück weit beschämt seine Freundin aus dem Norden Italiens am Bahnhof seines kampanischen Heimatortes ab. Auf dem Weg sehen sie Grablichter und Blumen am Straßenrand, die sie für Erinnerungen an Verkehrstote hält, die aber in Wirklichkeit an Ermordete erinnern sollen, die an diesen Stellen ihr Leben gelassen haben. Ebenso sind die Gedenktafeln nicht wirklich für ehemalige Partisanen angebracht worden. Auf der Hochzeit eines entfernten Cousins zieht er dem Mädchen schließlich den Trauring seiner Tante über den Finger, damit sie nicht als Freiwild den penetranten Blicken der anderen männlichen Gäste ausgeliefert ist. Bei einem Wiedersehen Jahre später zeigt das Mädchen aus dem Norden ihm ein Foto von der Hochzeit, auf dem zwei junge Männer zu sehen sind und fragt ihn: „Sie wurden umgebracht, weil sie bei der Camorra waren, oder?“ Die einzige Empfindung, die sich bei ihm daraufhin regt, ist Wut. Wut auf dieses Mädchen und die pauschalisierenden Urteile über die Menschen in Süditalien. Nein, die beiden waren keine Verbrecher. Sie waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie wurden Opfer, die als Bestrafung für ihren Freund herhalten mussten. Partisanen seien sie gewesen, möchte er ihr sagen, kann es aber nicht.

Ein Riss durch das Land

Italien ist ein kulturell und gesellschaftlich gespaltenes Land. Saviano schafft es, dies insbesondere an den beiden Protagonistinnen in „Das Gegenteil von Tod“ darzustellen. Beide sind junge Frauen, geboren und aufgewachsen in Italien. Und doch leben beide in Welten, die völlig konträr sind. Da ist das etwas naive, eingebildete Mädchen aus dem Norden und die leidende, altmodische Maria. Urbanität und Weltoffenheit auf der einen, Perspektivlosigkeit und Traditionen auf der anderen Seite.

 

978-3-446-23335-5_28121515531-99Roberto Saviano: Das Gegenteil von Tod
Übersetzt aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Rita Seuß
Erscheinungsdatum: 04.02.2009
72 Seiten
Hanser Verlag
10,00 EUR

 

 

Link zu Savianos Homepage

 

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1 Kommentar zu “Grablichter am Straßenrand

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