Hermann Hesse antwortet … auf Facebook

Neben seinen Romanen, Erzählungen und Gedichten hat Hermann Hesse zahlreiche Briefe an befreundete Autoren, Bekannte und Leser geschrieben. Selbst soll er über 40000 Briefe aufbewahrt haben.

Zum Hermann-Hesse-Jubiläums 2012 hatte sich der Suhrkamp Verlag eine besondere Idee einfallen lassen. Über Facebook konnten Leser und Hesse-Liebhaber ihre Geschichte zu Hermann Hesse erzählen oder ihm einen Brief schreiben, der wiederum mit Auszügen aus original Hesse-Briefen beantwortet wurde. Das Ergebnis der Aktion war ein Taschenbuch, das neben den Briefauszügen Hessen ausgewählte Beiträge und Kommentare der Facebook-Fans enthält.

Ich habe damals auch an der Aktion teilgenommen und meine ersten Hesse-Erfahrungen geschildert, die auch im Buch abgedruckt sind:

„Meinen ersten Hesse habe ich im Bücherregal meiner Großmutter entdeckt. Damals war ich wohl etwa 14 Jahre alt. Rosshalde war das. Danach habe ich angefangen, mir meine eigenen Hesse-Bücher zu kaufen. Erst die Morgenlandfahrt, das ich wieder und wieder gelesen habe, dann den Steppenwolf, Siddhartha, Unterm Rad. Als Heranwachsender, der auf der Suche nach sich selbst und seinem Weg war, fühlte ich mich in Hesse Büchern stets verstanden. Hesse gab mir Antworten auf Fragen, die ich noch gar nicht gestellt hatte, die mich aber unbewusst beschäftigten. Als dann Hesse Thema im Gymnasium wurde, verging mir fast die Lust an seinen Büchern. Hier wurde von einem Lehrer, dem ich jedes Verständnis absprach, meine ganz individuelle Sicht auf Hesse Bücher benotet. Das Tolle jedoch an Hesse war immer, dass er mit mir „mit wuchs“. Meine Fragen änderten sich und auch die Antworten, die ich in seinen Büchern fand, waren andere. Seit fast zwanzig Jahren ist mir Hesse ein Begleiter.“

Gewiss ist das Buch im Endeffekt das Ergebnis einer Marketingaktion, die es sich zum Ziel gemacht hat, netzaffine Leser anzusprechen. Und dennoch ist dabei ein schönes Buch herausgekommen, das die Sichtweisen, Fragen und Erlebnisse von über siebzig Lesern zu ihrem Lieblingsautor aufzeigt.

Damals wie heute wurde die Literatur Hesse von einer Vielzahl  Kritiker und Kollegen belächelt, als trivial und kitschig bezeichnet. Und doch finden immer wieder Menschen jeglicher Generation in Hesse einen Autoren, der sich ihren Nöten annimmt, sei das nun der pubertierende Jugendliche, der Einzelgänger, der Globalisierungsverlierer, dem an der Leistungsgesellschaft Leidende oder der Sinnsucher. In „Peter Camenzind“, dem „Steppenwolf“ oder dem „Glasperlenspiel“ suchen und finden sie Antworten. So kitschig wie er für manche sein mag, Hesse ist authentisch. Die Suche der Protagonisten in seinen Büchern ist immer seine eigene Suche, zumeist nach seiner selbst.

Manche Autoren sollte man eben nicht ausschließlich aufgrund literaturwissenschaftlicher Kriterien beurteilen. Ich jedenfalls bleibe ihm treu. Immer wieder.

46376Hermann Hesse antwortet … auf Facebook

D: 5,00 €
Erschienen: 16.07.2012
suhrkamp taschenbuch 4376
Broschur, 93 Seiten
ISBN: 978-3-518-46376-5

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1 Kommentar zu “Hermann Hesse antwortet … auf Facebook

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