Jakob Nolte - Schreckliche Gewalten

Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

Ein Wort vorweg. Schreckliche Gewalten ist mit Sicherheit nicht das, was ich von diesem Roman erwartet habe. Und das ist wohl auch gut so, denn nicht umsonst hat der Nolte es mit seinem Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.

Der Plot beginnt schon – sagen wir – unkonventionell:

„Eines Nachts, als die Sonne gerade 564 Millionen Tonnen Wasserstoff in 560 Millionen Tonnen Helium fusionierte und ein Teil der dadurch freigesetzten Wärme 8 Minuten und 17 Sekunden später als Licht den Mond erreichte, und dieser Mond, der nicht wirklich ein Planet ist und nicht wirklich ein Stern, sondern ein Mond, voll erleuchtet am Himmel stand, erblickte ihn die Mutter von Iselin und Edvard Honik, war erfasst von seiner Sanftmut, verwandelte sich in ein wölfisches Wesen , biss ihrem Gatten den Nacken durch, zerfleischte Teile seines Oberkörpers und schlief wieder ein.“

Okay… Das hat gesessen. Schon nach dieser ersten Seite fragt man sich, was da noch kommen mag. Und es kommt so einiges – Skurriles, Verstörendes und – ja – auch Belustigendes.

Die beiden Kinder Hilmas, nun Halbwaisen, verlassen nach dem Tod des Vaters ihren Heimatort in der Nähe von Bergen in Norwegen. Die Zwillinge wissen, dass die wölfische Veranlagung in der Familie liegt und theoretisch auf einen der beiden übergehen könnte. Edvard führt die Suche nach sich selbst über Litauen, Lettland, die Ukraine bis nach Afghanistan. Seine Schwester Iselin bleibt in Norwegen und gründet eine subversive, terroristische Gruppe – die „Mädchen im System“. Später lernt sie Moira kennen und lieben, die übrigens an der Stelle ihres Herzens eine Art Spinne hat, welche sich von den Botenstoffen in ihrem Blut ernährt und den Willen der jungen Frau manipuliert.

Nun ja – so weit, so durchgeknallt. Noltes Roman hält noch einige abstruse Geschichtchen und Handlungen für den Leser bereit. Darüber hinaus schweift er ständig ab. Eine chronologische Erzählweise? Definitiv Fehlanzeige! Aber dafür erfahren wir etwas über den Erfinder des ACE-Drinks oder das Ökosystem der Insel Jomfruland. Vieles davon ist fantasiert. Ganz nebenbei erzählt Nolte aber auch die gewaltsame Geschichte der Siebziger Jahre. Der Angola-Krieg, die RAF, das Münchener Olympia-Attentat – all das kommt hier am Rande vor. Schreckliche Gewalten ist ein verschlungener, anstrengender Roman – brutal und fies, ironisch und lustig. Und entweder ist er das, was man postmodern nennt, oder gar schon die Persiflage des postmodernen Romans. Wer weiß das schon…

 

Jakob Nolte
Schreckliche Gewalten

Matthes & Seitz Berlin
340 Seiten
Erschienen: 2017
22,00 EUR

 

 

5 Kommentare zu “Jakob Nolte – Schreckliche Gewalten

  1. Hallo Sandro,
    schöne Rezension. Der Aspekt einer Geschichte der Gewalt der 70er-Jahre ist mir tatsächlich – trotz des Titels – nicht so sehr aufgefallen. Sehr gute Beobachtung! Ich fand es vor allem klasse, wie Nolte mit den Erwartungen der Leser*innen spielt und immer genau dagegen anschreibt.
    Auf der Buchpreisliste würde ich den Roman auch absolut gerne sehen!
    Hier meine Rezension, falls Du mal nachlesen willst, was mir noch so aufgefallen ist: http://poesierausch.com/2017/06/07/jakob-nolte-schreckliche-gewalten/
    Schöne Grüße,
    Stefan

    • Sandro Abbate

      Danke Dir, Stefan! Auch für den Link – werde mir Deine Rezension auf jeden Fall noch anschauen.
      Viele Grüße
      Sandro

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