Robert Prosser – Phantome

Mit seinem neuen Roman Phantome ist Robert Prosser auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Leider hat es für die Shortlist nicht gereicht. Worum geht’s? Ein Wiener Sprayer, der mit seiner Freundin Sara in die bosnische Heimat ihrer Mutter reist – nach Tuzla, Banja Luka und nach Srebrenica. Srebrenica – nach wie vor ein Ort des Schreckens – war Schauplatz des größten Massenmordes seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa.

„Und egal, wohin ich blickte, sei es während des Begräbnisses oder auf dem Rückweg, überall sah ich Menschen, sah ich Gesichter, Einschusslöcher, Ruinen, überall Geschichten, Zeugnisse von Tod und Gewalt, von Überleben, Weiterleben, ganz Srebrenica war eine einzige Überforderung.“

Während es im ersten Teil von Prossers Phantome noch vor allem um Graffiti, um den Ich-Erzähler und dessen Eindrücke von Bosnien geht, erzählt die zweite Hälfte des Romans die Geschichte von Anisa, der Mutter  von Sara. Anisa ist Bosniakin, also muslimische Bosnierin. Sie hatte, bevor sie ihr Heimatland verlassen musste, einen Freund, den bosnischen Serben Jovan. Als der Krieg ausbricht, muss er zum Militär, Anisa flüchtet nach Wien. Beide wissen nicht vom anderen, ob er noch lebt und wenn ja, wo er sich aufhält.

Prosser schreibt schnell, mit einer ganz eigenen Melodie. Das verwundert auch nicht zu sehr, kommt er doch aus der Poetry Slam-Szene. Mit Phantome schafft er es, einen – außer in Ex-Jugoslawien – fast vergessenen Konflikt, eine häßliche Narbe im heutigen Antlitz Europas in Erinnerung zu rufen und zu zeigen, dass dessen Nachwirkungen noch lange nicht verhallt sind. Ein Buch, wie es kaum aktueller sein könnte, denn während all der momentanen teils beängstigenden Veränderungen – wie etwa der EU-weit erstarkenden Rechten – sind sich wohl die meisten sicher, dass bei uns keine Gefahr für Demokratie und Frieden besteht. Schließlich haben wir seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr in Europa gehabt. Dabei scheinen viele zu vergessen, dass das nicht stimmt. Sehen wir einmal vom jahrzehntelang wie ein Damoklesschwert über Europa hängenden Kalten Krieg ab, gab es mit den Jugoslawienkriegen eben doch einen Krieg der heutige EU-Mitgliedsstaaten schwer erschütterte und menschliche Abgründe offenbarte. Wir, die wir in Mitteleuropa, in Deutschland in friedlichen Zeiten geboren sind, die nie einen Krieg näher erlebt haben als in Form von über die Mattscheibe flimmernden Bildern, wir, die wir überbehütet und hypersaturiert aufgewachsen sind, sehen es als selbstverständlich an, uns frei bewegen zu können ohne Angst um Leib und Leben haben zu müssen. Nie mussten wir uns umsehen, ob nicht irgendein Heckenschütze auf dem Dach sitzt, bevor wir die Straße betreten. Zwar sollten wir uns möglichst diese Leichtigkeit bewahren, jedoch stets in dem Bewusstsein, dass Frieden und Demokratie Dinge sind, die es wertzuschätzen und zu verteidigen gilt. Immer.

 

Prosser PhantomeRobert Prosser
Phantome
336 Seiten
Ullstein fünf
EUR 20,-

 

 

1 Kommentar zu “Robert Prosser – Phantome

  1. Die eigene Melodie hat Robert Prosser wie ich fast fürchte inwzsichen etwas verloren, weil er hier ja schon sehr realistisch schreibt, so kann ich seine früher bei „Klever“ erschienene Prosa nur empfehlen.
    Ansonsten hat mir das Buch bis auf das fürchterliche Cover natürlich sehr gefallen.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/09/07/phantome/

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