Altpapiergespräch

Noch bevor ich den Motor ausgeschaltet habe, reißt der Kleine seine Tür auf und rennt nach hinten zum Kofferraum, um den Papiermüll endlich rauszuholen. Er liebt es, Altpapier und vor allem Flaschen in die Container zu schmeißen. Das klirrt so schön. Heute aber keine Flaschen, nur Papier. Ich gehe ums Auto und gebe dem Kleinen ein paar zusammengefaltete Kartons. Er reckt sich und stellt sich auf die Zehenspitzen, um an den Schlitz zu kommen. Neben uns steht ein älterer Herr. Er hält noch eine grüne Rapsölflasche in der Hand, wirft sie aber nicht weg.

„Sie trennen ja wenigstens den Müll“, sagt er zu mir. Sein türkischer Nachbar werfe immer alles in den Restmüll, der dann natürlich sofort überfüllt sei. „Und gut, dass Sie das Kind mithelfen lassen. Dann lernt der das auch direkt für später. Und außerdem, weiß er dann auch, was es bedeutet zu arbeiten. Heute bekommen die Kinder ja alles von ihren Eltern und müssen nichts dafür tun. Ich kenne da auch so welche, da kaufen die Eltern denen sogar ein Auto. Muss man sich mal vorstellen.“

Ich denke daran, dass mir als Jugendlicher auch nichts geschenkt wurde, mein erstes Auto hatte ich erst mit Mitte Zwanzig. Aber naja, soll doch jeder so machen wie er möchte und wie er kann. „Aber wissen Sie“, sagt der Alte, „man darf denen dazu erst gar nichts sagen. Sonst sind die direkt beleidigt und meinen, man solle sich doch um den eigenen Kram kümmern. Ein Bekannter von mir zum Beispiel. Die Frau von dem hat Krebs. Rückenkrebs irgendwie. Und die macht Chemotherapie. Da ist so eine, mir fällt’s gerade nicht ein, so eine Säure drin. Und damit leben die dann auch nur drei Monate länger, dafür aber schlechter. Ich schaue immer diesen Fernsehsender aus der Schweiz, weiß nicht mehr genau wie der heißt, der ist bei mir auf Platz 18 gespeichert. Dann muss ich den nicht suchen. Da zeigen die auf jeden Fall allerhand Sachen, die man sonst nicht erfährt. Beim Krebs hilft nämlich Vitamin C. Aber nicht das Vitamin C, das wir so kennen, das ist nämlich künstlich hergestellt. 17 Milligramm oder so von dem guten Vitamin C muss man spritzen, dann geht der Krebs wieder langsam zurück. Der entsteht nämlich, weil die Zellen unterversorgt sind. Aber das sagt einem ja keiner.“

Ich werfe die letzten Zeitungen in den Container. Der Kleine hat schon keine Lust mehr,  hat sich auf den Beifahrersitz gesetzt und spielt am Radio herum.

Der Mann kommt näher und ich sehe, dass sich an seiner Lippe beim Sprechen Speichelfäden bilden. Etwas angeekelt versuche ich, woanders hinzuschauen, aber die weißen Fäden, die er hin und wieder mit dem Finger wegwischt, lassen mich nicht los. Irgendwie tut er mir leid und trotzdem, ich mag es nicht, wenn mir jemand so nahe kommt und ungefragt auf mich einredet.

„Da sind eigentlich immer die Großen im Spiel, die im Hintergrund die Fäden ziehen, wissen Sie. Schauen Sie mal hier, kommen Sie mal.“

Ich folge ihm zum Kofferraum seines VW Polos, aus dem er zwei schlecht aufgemachte Bücher zieht. Irgendetwas zur heimlichen Abschaffung des Bargelds. Erschienen sind die wahrscheinlich in so einem zwielichtigen Verlag. Die haben ja gerade Hochkonjunktur. Ich schaue mir die Titel an, den Klappentext lese ich erst gar nicht und gebe dem Mann die Bücher zurück.

„Wir werden ja, wo es nur geht, getäuscht. Das Bargeld ist nicht mehr durch Gold gedeckt. Ist doch so, oder? Und ein Fünfzig-Euro-Schein ist in Wirklichkeit 23 Cent wert. Mehr nicht. Und der Draghi lässt die Zinsen niedrig, damit wir nicht mehr sparen, sondern kaufen. Der war früher bei Goldman-Sachs. Kennen Sie die?“ Kenne ich. Sage ich ihm aber nicht. „In Wirklichkeit ist alles von ganz oben gesteuert. Da treffen sich einmal im Jahr die wichtigen Persönlichkeiten im Hintergrund und bestimmen, was die Politik entscheiden soll. Ist wirklich so. Die Merkel, die ist auch nur Geschäftsführerin. Die hat eigentlich gar nichts zu sagen. Deswegen ist ja auch egal, wen man wählt. Und hier, die ganzen Flüchtlinge hier. Die kommen nicht wegen dem Krieg. Die werden gesteuert, um uns zu schwächen. Gezielt zu schwächen. Warum, weiß ich auch nicht. Stattdessen könnten wir eine Weltmacht sein, wenn wir mit Russland zusammenarbeiten würden. Aber da wird ja Propaganda gegen den Putin gemacht. Von unseren Medien. Die sind eigentlich die vierte Gewalt. Wissen Sie, was das ist? Die vierte Gewalt?“

Ich nicke und sage wieder nichts.

„Die Medien. Fernsehen, Zeitungen und so. Die sollten eigentlich ausgleichen. Die werden aber auch gesteuert. Deswegen berichten die auch so schlecht über den Trump, dabei sind einige Gedanken, die der hat, gar nicht so schlecht.“

„Naja“, sage ich „mal ehrlich, ganz normal ist der aber auch nicht. Wie auch immer. Ich muss mal los, der Kleine wartet und wir müssen noch einkaufen.“

„Ja, verstehe. Gehen Sie aber bloß nicht zu Aldi oder Lidl, die müssen nämlich keine Steuern zahlen. Das ist auch so gewollt…“

Ich schüttele den Kopf.

„Schauen Sie mal, ob Sie den Fernsehsender finden. Müssen Sie Satellitenfernsehen haben. Haben Sie doch, oder?“

Ich setze mich ans Lenkrad, der Kleine neben mir hört Tom Waits. Ich mache etwas lauter, nicke dem Mann zu und drehe den Zündschlüssel.

4 Kommentare zu “Altpapiergespräch

  1. Chapeau, ein schöner Text.

    • Sandro Abbate

      Dankeschön. Eine merkwürdige Begegnung war das. Musste ich festhalten.

      • Tatsächlich habe ich kurz überlegt, ob ich wirklich »schön« schreiben kann angesichts der Tatsache, dass das wirklich so passiert ist. Aber ich meine das in rein ästhetischer Hinsicht: schön beobachtet, schön erzählt.

        • Sandro Abbate

          Ja, das schienen mir bald alle Verschwörungstheorien, die so durch die sozialen Netze geistern, in komprimierter Form zu sein. Und erschreckend ist, dass scheinbar viele Menschen mittlerweile so einen Quark glauben.

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