Eigenes

Das Skalpell

Die glatte Oberfläche glänzt im flackernden Kerzenlicht. Eigentlich ist es nur kleines Stück Metall, das er in der Hand hält. Drei Rillen durchziehen den Griff und am unteren Ende die eingravierte Abbildung einer Schlange, die sich um den mit einer Krone geschmückten Stab von Apolls Sohn Asklepios windet. Asklepios ist der Gott der Heilung bei den alten Griechen. Als dessen Mutter Koronis mit ihm schwanger war, ließ sie sich auf einen Sterblichen ein und wurde von der Jagdgöttin Artemis getötet. Aus ihrem auf den Scheiterhaufen geworfenen Leichnam schnitt der Götterbote Hermes ihren ungeborenen Sohn. Ein Kaiserschnitt. Einen Kaiserschnitt hat er glücklicherweise noch nicht vornehmen müssen. Und überhaupt war er noch nie bei einer Geburt dabei, worüber er durchaus erleichtert ist, denn was soll aus einem Leben werden, das an einem Ort wie diesem beginnt.

Die Ellbogen auf die Knie gestützt, sitzt er im Halbdunkel und betrachtet das Stück Metall in seinen Händen. Er dreht es, wiegt es, mustert die feine Klinge und testet sie am weichen Holz des Tisches. Dann umklammert er den Griff fest mit seiner feuchten Hand. Er zittert. Es ist kalt, aber der Grund ist ein anderer. Sein Atem geht schwer. Er hat das Gefühl, alle seine Ängste und Zweifel drückten tonnenschwer auf seine Brust, sodass die eingeatmete Luft seine Lungen nicht zu dehnen schafft. Wieder und wieder versucht er, tief einzuatmen.

Das Metall in seiner Hand blitzt auf, wenn es die auf der Kerze tanzende Flamme reflektiert und holt ihn aus seinen Gedanken zurück. Mit Werkzeugen kennt er sich aus. Metall ist ihm vertraut. Seit seiner Kindheit hat er damit zu tun, denn wenn eines die Gegend, aus der er stammt, prägte, dann der Abbau und die Verarbeitung von Metall. Seit Jahrhunderten ist das so. Der Sage nach gab es bereits im frühen Mittelalter Bergbausiedlungen in seiner Heimat. Wir benutzen dieses Wort so selbstverständlich. aber weiß man, wo oder was Heimat ist? Wenn Heimat der Ort ist, an dem man sich nicht erklären muss, wo man verstanden wird, dann ist seine Heimat ihm ferner denn je, wenn auch die Entfernung zu seinem Geburtsort nicht mehr als dreihundert Kilometer betragen mag. Aber das hier ist kein Ort. Ein Nicht-Ort. Ein Ort, den es nicht geben kann, nicht geben darf. Und doch gibt es ihn, denn er ist ja hier, was um ihn herum geschieht, ist real. Seit vier Jahren sieht er die abscheulichsten Dinge.

Er hat gelernt, Maschinen instand zu halten, verschlissene, kaputte Teile auszuwechseln. Nun hält er Menschen instand. Menschen, die verschlissen werden, in denen die Peiniger nichts anderes sehen als Maschinen, jedoch verabscheuungswürdige Maschinen, an denen man sich schmutzig macht, die man besser nicht berührt, die man – solange sie funktionieren –  nutzt, auspresst bis auf den letzten Tropfen und dann wegwirft. Es ist nicht der erste Ort, an dem er eingesperrt worden ist. Das Gefängnis kennt er schon, die Einsamkeit, das Gefühl, verrückt zu werden, weil man nicht herauskann, das Ausgeliefertsein. Aber das ist etwas anderes. Ein Gefängnis ist ein Ort. Gefängnisse kennt man. Man kennt sie aus Berichten, Erzählungen oder von Besuchen.

Auf das hier hätte ihn keine Erzählung der Welt vorbereiten können. Selbst der Krieg, den er als junger Mann erlebte, der zerborstene Schädel seines jungen Kameraden, die abgerissenen Gliedmaßen und die für immer aufs Grässlichste entstellten Heimkehrer waren vorstellbarer als das, was er in den letzten vier Jahren gesehen hatte. Er fragte sich, ob ihm jemand glauben wird, wenn er es irgendwann einmal schaffen sollte, all das in Worte zu fassen und davon zu berichten. Wieder zieht das Blitzen des Metalls seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Stück Metall hilft ihm, Leben zu retten. Es kann ihn genauso gut sein eigenes kosten. Aber darum geht es nicht. Es gilt, Mensch zu bleiben. So absurd ihm das auch erscheint.

Nachdem die Nacht eingebrochen war, musste er sich um Franz kümmern. Getarnt als Toten haben die Genossen ihn am Nachmittag gebracht. Es war für Franz sicher nicht schwer, sich tot zu stellen, war er es doch fast schon. Die Zehen des Jungen waren  mittlerweile schwarz geworden. Wäre er unbehandelt geblieben, hätte ihn die Kälte nicht nur die Zehen, sondern das Leben gekostet. Ein weiteres Leben für den Bau der Blutstraße, für die die Gefangenen Steine brechen. Doch heute bekommt der feurige Schlund sein Fressen nicht. Als sie Franz auf den Tisch legten, sah er die Panik in dessen weit aufgerissenen Augen. Kaum fähig, auf seine Fragen zu antworten, lag er da, atmete unregelmäßig.

Es musste schnell gehen. Notdürftig reinigte er den Fuß und gab dem jungen Häftling ein Tuch, auf das er beißen sollte, um Schmerzensschreie zu unterdrücken. Als er das Skalpell ansetzte, wurde seine Hand ganz ruhig und alle Befürchtungen, jegliche Angst verschwand. Mensch sein heißt auch in der eigenen Not denjenigen zu helfen, die Hilfe bedürfen. In diesen Momenten ist er ganz Mensch. Franz’ Blut begann schnell, die Tücher rot zu färben. So wie er es hier schon unzählige Male gesehen hat. Rot. Wie sehr er diese Farbe mit der Not, aber vor allem auch mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbindet. Rot wie der neu anbrechende Morgen, der für ein neues Zeitalter der Menschlichkeit steht.

Als junger Mann erschien es ihm noch erstrebenswert, in den Dienst für Kaiser und Vaterland zu treten. Erst als es ans Töten und ans Sterben ging, erkannte er, dass sein Vaterland die ganze Welt ist, und wir Menschen uns als Brüder begegnen sollten, statt uns gegenseitig abzuschlachten. Das Töten war im zuwider, ebenso der Kaiser, die Generäle und der eigene Vater. Auf See konnte er die Ungleichheit nicht ertragen, die unter den Soldaten herrschte. Der Krieg war nicht für jeden gleich. Während sich die einfache Mannschaft in viel zu enge Kajüten zwängte, schliefen die feinen Herren Offiziere in gemütlichen Betten. Nachdem sein Schiff zurück in den Heimathafen eingelaufen war, packte er heimlich seine Sachen und verschwand im nächtlichen Nebel.

Er tauchte unter, um dem Wahnsinn des Krieges und der Ungerechtigkeit zu entkommen, fand ein Zimmer und eine Arbeit, wo niemand Fragen stellte. Jedoch holten Kaiser und Vaterland ihn schneller wieder ein, als er gedacht hatte, und sperrten ihn ins Loch, das für ihn jedoch zur Schule wurde.  Er wollte sich nicht mehr damit abfinden, dass die einen, um zu leben, dazu gezwungen waren, ihre Gesundheit zu ruinieren, damit ein paar Wenige sich bereicherten und ihre Feste auf dem Rücken der Arbeiter feierten. Was drüben in Russland möglich war, musste doch auch hier funktionieren. Bereits Anfang des Jahres hatten sich die Russen ihres Despoten entledigt. Jetzt war es an ihnen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Das war die Zeit, in der er zum politischen Menschen wurde. Vorher, in seinem Heimatkaff, hat ihn die Politik nicht interessiert. Natürlich gab es auch dort Ungerechtigkeiten, aber die nahm man hin. Schließlich hieß es doch, dass Arbeit die Pflicht des Menschen ist und dass wir selbst im Himmel ohne eine Beschäftigung nicht gesegnet sein können.

Moralvorstellungen, die dem alleinigen Zweck dienten, den kleinen, gottesgläubigen Arbeiter ruhig zu halten und ihn erst gar nicht den Gedanken fassen zu lassen, es könne mehr in seinem Leben geben außer Arbeit. Arbeit, Vaterland, Pflicht, Gehorsam – mehr und mehr begann er all das zu hassen, wofür sein Vater stand, wofür es sich angeblich zu kämpfen lohnte, wofür Tausende auf direktem Weg ins Grab gingen.

Als die Matrosen meuterten, befreiten sie auch ihn. Es war Zeit zu kämpfen, wofür es sich wirklich zu kämpfen lohnt. Und so ging er zurück in sein Kaff und schloss sich dem Soldatenrat an, um etwas zu verändern, sich für die Schwachen einzusetzen und eine Welt zu schaffen, in der Gleichheit herrscht.

In weniger als einer Stunde wird der Tag anbrechen. Der Kuckuck singt bereits. Schon sehr bald werden neben den Vogelstimmen die Lederstiefelschritte im Kies zu hören sein. Mitkommen! Raunzt ihn die vom Tabak kratzige Stimme des Schwarzuniformierten, der plötzlich im Türrahmen steht, an. Etwas ist anders heute. Es ist noch nicht die Zeit für den Morgenappell. Draußen stehen zwei weitere Soldaten vor einem Lastwagen. Die Plane ist hochgezogen. Auf dem feuchten Pritschenboden sitzen zwei Häftlinge. Zitternd, den Blick nach unten gerichtet. Als sie ankommen, ist es bereits hell. Ringsum Felswände, an denen die Spuren der Werkzeuge zu sehen sind. Eine kleine Baracke steht am Rande eines wie ein Trümmerfeld wirkenden Platzes. Vier Häftlinge stehen schon bereit, drei haben ihre Hacken geschultert, der andere hält einen verbeulten Blecheimer in der Hand. Wasser holen! Wieder die krächzende Stimme.

Der Mann mit dem Eimer will gerade losgehen, da ertönt erneut Gebrüll. Nein, du nicht. Der Neue soll gehen. Der Soldat stößt ihn mit dem Gewehrkolben nach vorn. Er stolpert zu dem Mann mit dem Eimer, nimmt ihm diesen aus der Hand. Hier lang! Hinter der Baracke führt ein kleiner Weg durch das Geröll. Überall Steine, Felsbrocken und in Form gehauene Blöcke, aber Wasser ist hier keines. Ein Schuss hallt von den Felswänden zurück und verliert sich in der Stille. Den zweiten Schuss hört er nicht mehr.

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