Auf ein Wort mit Raul Zelik

Interview mit Raul Zelik zu seinem Roman „Der Eindringling“

Raul Zelik in Berlin, 2010 Foto: Heinrich-Böll-Stiftung (CC)
Raul Zelik in Berlin, 2010
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung (CC)
Raul, in Deinem Roman „Der Eindringling“ beschreibst Du von dem Verhältnis eines Studenten zu seinem Vater, einem Politaktivisten der 80er Jahre. Was unterscheidet die Generation der heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen von denen der 70er und 80er Jahre? Ist die heutige Jugend weniger politisch?

Die Frage, die ich mir gestellt habe, war ja eigentlich eher, was heute mögliche Formen des Aufbegehrens sind. Das Aussteigen und Rebellieren ist selbst Teil des Mainstreams. Sportmarken inszenieren die Rebellion, Konzerne fordern ihre  Manager auf, mal eine Auszeit zu nehmen und als Tramper auf Weltreise zu gehen, in den Glamour-Blättchen gilt als toll, wer krasse Sachen gemacht hat, am besten als Jugendlicher mal einen Überfall durchgezogen hat und dafür im Knast saß. Dementsprechend heißen die meisten Medienfirmen heute irgendwas mit „Revolution“ oder „Guerilla“. Deswegen hat mich die Schwelle interessiert: das Innehalten, das sich für nichts Entscheiden. Aber eine pauschale Aussage zur Politisierung heute und gestern sollte das nicht sein.

 

Es gibt ja durchaus genügend Anlässe zum Protestieren. Was hat sich an den Formen des Protestes geändert? In gewisser Weise verlagert sich der Protest ja in die sozialen Medien. Müssen junge Leute wieder mehr auf die Straße, um zu protestieren?

Soziale Medien können dazu beitragen, dass man sehr gut informiert ist. Allerdings auch nur, wenn man sich seinen Freundeskreis bewusst zusammensucht und in der Lage ist, Nachrichten kritisch zu lesen. Und selbst in diesem Fall erzeugt das in erster Linie ein Gefühl der Überforderung. Meistens aber sind soziale Netzwerke nicht mal dazu gut, sondern müllen unseren Kopf nur mit Bildchen voll.

Insofern: Ja, es ist immer gut, was mit Leuten zu erleben anstatt sich die Bildchen von Leuten anzuschauen. Man darf sich aber auch erst mal zu Hause treffen.

 

Stichwort Landtagswahlen. Wie erklärst Du Dir die politischen Entwicklungen in letzter Zeit? Fehlte es in den letzten Jahren an einer starken, glaubwürdigen Opposition? Wie kommt es, dass so viele Leute rechts wählen und hast Du das Gefühl, dass der von vielen geforderte „Aufstand der Anständigen“ ausbleibt?

Ich wäre ja eher für einen Aufstand der Unanständigen. Und Landtagswahlen sind mir meistens auch eher egal. Die Autonomie des Staates, sprich die Spielräume der Politik gegenüber der kapitalistischen Herrschaft, ist stark geschrumpft. Die ganze Politik ist nur zu etwas gut, wenn sie dazu beiträgt, das zu vermitteln.

In diesem Sinne: weniger Wahlen, mehr gesellschaftliche Teilhabe. Und vor allem: Lasst uns endlich über ökonomische Verhältnisse, die Verteilung von Arbeit und Reichtum reden. Ansonsten passiert, was immer passiert – alle engagieren sich wie wild, endlich kommen Linke an die Regierung, und sind dann dazu gezwungen, rechte Reformen zu machen.

 

Wie bekommt man junge Leute wie Daniel aus Deinem Roman dazu, sich politisch zu engagieren?

Durch sozialpädagogische Aufforderungen sicher nicht. Mein Eindruck ist ja, dass nichts so politisiert wie die Erfahrung von Ohnmacht und Solidarität: Wenn die Polizei einen verhauen will und sich die Leute das nicht gefallen lassen zum Beispiel. Das bleibt. Und dann sicher auch ein paar gute Bücher, Filme und die richtigen Freunde.

 

Welche Rolle kommt Autoren zu? Ist Literatur heute politisch genug? Was kann Literatur bewirken?

Schreiben ist wie Reden: Es verändert die Welt nicht, aber es kann hilfreich sein, um zu begreifen, dass es allein nichts verändert.

 

Vielen Dank für das Interview! 

 

 

12658Raul Zelik
Der Eindringling

edition suhrkamp, 2012
288 Seiten
EUR 14,00

 

 

 

1 Kommentar zu “Auf ein Wort mit Raul Zelik

  1. Auch ich sage: Vielen Dank für das Interview! Ich habe Zelik vor ca. 3 Jahren genau mit diesem Buch in Frankfurt erlebt: https://buecherliebhaberin.wordpress.com/2013/01/16/raul-zelik-im-club-voltaire/

    An diesem Abend wollte er die poltischen Aspekte des Romans gar nicht so sehr in den Vordergrund setzen, den Roman vielmehr als eine Vater-Sohn Geschichte sehen. Ich selbst hab das Buch noch gaa nicht gelesen. Dafür aber „Der bewaffnete Freund“.

    Saludos
    Vera

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