Literatur zum Welt-Roma-Tag

Wohl keine andere Volksgruppe in Europa ist dermaßen mit Klischees behaftet und Vorurteilen ausgesetzt wir die Sinti und Roma. Die als größte europäische Minderheit geltenden Sinti und Roma sind bereits seit über 700 Jahren in Europa zuhause und sollten lange ein fester Teil der europäischen Gesellschaften sein. Sind sie aber nicht. Gerade in osteuropäischen Ländern sind Roma oft Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Aber auch viele seit Jahrhunderten in Deutschland ansässige Sinti-Familien verheimlichen ihre Identität aus Angst vor Anfeindungen.

Am kommenden Freitag, dem 8. April ist Welt-Roma-Tag, in dessen Rahmen auch im Berliner Aufbau-Haus eine Reihe Veranstaltungen stattfinden. Nach einer Kundgebung am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas (Simsonweg, 10557 Berlin) stellt der Aktivist und Holocaust-Überlebende Zoni Weisz sein Hörbuch Ein gutes Leben – Zoni Weisz erzählt seine Biografie vor. Mit dabei sind auch der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose und die Kunsthistorikerin Tímea Junghaus, um mit Weisz über die Bedeutung und die Ausdrucksformen der Erinnerung an den Holocaust an den Sinti und Roma zu diskutieren. Anschließend gibt es Musik, Performances und zu guter Letzt Party.

Zum Welt-Roma-Tag habe ich eine kleine Liste an Büchern zusammengestellt, deren Lektüre sich lohnt, um diese überaus interessante, vielfältige und traditionsreiche Minderheit etwas besser zu verstehen.

 

514rYYQ-mvL._SX308_BO1,204,203,200_Klaus-Michael Bogdal
Europa erfindet die Zigeuner: Eine Geschichte von Faszination und Verachtung
suhrkamp taschenbuch, 2014
14,00 Euro

Klappentext:
Man bezeichnete sie als ›geborene Diebe und Lügner‹, ›Gefährten des Satans‹, ›unzähmbare Wilde‹. Gleichzeitig schwärmte man von der ›schönen Zigeunerin‹ und bewunderte insgeheim das ›Naturvolk‹ – der Blick auf die Sinti und Roma ist seit 600 Jahren geprägt von Faszination und Verachtung.

Klaus-Michael Bogdals brillant recherchiertes Werk untersucht die Darstellung der ›Zigeuener‹ in der europäischen Literatur und Kunst vom Spätmittelalter bis heute, von Norwegen bis Spanien, von England bis Russland. Auf der Grundlage von unzähligen neuen Quellen, frühen Chroniken, Artefakten sowie Holocaust-Erinnerungen erzählt Bogdal eine epochen- und genreübergreifende Geschichte der Sinti und Roma.

51+jMFMyQhL._SX303_BO1,204,203,200_Norbert Mappes-Niediek
Arme Roma, böse Zigeuner – Was an den Vorurteilen über die Zuwanderer stimmt (Ein Faktencheck)
  
Ch. Links Verlag, 2013
18,00 Euro

Klappentext:
Warum kommen die Roma in Osteuropa aus ihrem Elend nicht heraus? Sind sie arm, weil sie diskriminiert werden, oder werden sie diskriminiert, weil sie arm sind? Sind sie arbeitsscheu, kriminell und womöglich dümmer als andere? So wird oft gefragt, wenn auch meistens hinter vorgehaltener Hand. Und die Antwort kennt man natürlich: »typisch Roma«. Der langjährige Balkan-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek unternimmt einen Faktencheck und kommt zu überraschenden Befunden. Zugleich kritisiert er die europäische Roma-Politik und die von ihr beförderte »Gypsy industry« fundamental und zeigt alternative Wege auf.

51sCBVDcl8L._SX303_BO1,204,203,200_Dotschy Reinhardt
Everybody’s Gypsy: Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt
Metrolit, 2014
17,99 Euro

Klappentext:
Dotschy Reinhardt erzählt von der „Gypsy-Kultur“ und von den falschen Bildern, die es davon gibt. Sie erklärt, wie sich Sinti und Roma selbstbewusst gegen Ausgrenzung und die Aneignung ihrer Kultur behaupten. Und sie nimmt uns mit auf einen Roadtrip durch die Zentren der Popkultur mit Geschichten über Musik und Mode, Literatur und Kunst, Film, Fernsehen und Alltag. Der sogenannte Gypsy-Style ist fest in unserem Alltag, vor allem in der Popkultur, verankert. In Musik, Film, Fernsehen, Literatur und Mode bedient man sich gerne bei alten und falschen Klischees, die den „Gypsys“ zugeschrieben werden – sie versprechen Freiheit, Sinnlichkeit und Emotionen. „Everybody’s Gypsy“? Jedenfalls manchmal. Dabei haben Sinti und Roma seit Jahrhunderten auf ganz unterschiedliche Weise unsere Kultur bereichert. Dotschy Reinhardt widmet sich diesen Phänomenen, hat Musiker, Filmemacher, Autoren und andere Kulturschaffende von Berlin bis New York besucht. Sie zeigt wie gelebte Erinnerung zukunftsweisend ist. Und warum man besser kein „Zigeunerschnitzel“ bestellt.

 

51M6Ake48tL._SX339_BO1,204,203,200_Rajko Djuric
Zigeunerische Elegien. Gedichte in Romani und Deutsch
Helmut Buske Verlag, 1989

Ich konnte leider keinen Händler finden, bei dem das Buch nicht vergriffen ist. Vielleicht findet man es mit etwas Glück in Antiquariaten.

 

 

 

 

9783803126924Otto Rosenberg
Das Brennglas
Aufgezeichnet von Ulrich Enzensberger
Wagenbach, 2012
10,90 Euro

Klappentext:

Otto Rosenberg hat erst nach fünfzig Jahren die Kraft für dieses Buch gefunden. Ein überlebender deutscher Sinto erzählt von seinen Erinnerungen. Er klagt nicht an, rechnet nicht auf. Er berichtet, wie es gewesen ist.

Vorher waren Sinti und Roma eingebunden in das Berliner Stadtleben. Otto Rosenberg erzählt unbeschwerte Szenen aus seiner Kindheit in der Zeit vor der nationalsozialistischen Gesellschaftszersetzung. Er schildert in schlichten Worten, wie sich die braune Wolke erst nach und nach in das Alltagsleben der deutschen Sinti und Roma schob. 1936 wurde der neunjährige Otto Rosenberg als Mensch »artfremden Blutes« mit seiner Familie ins »Zigeunerlager« Marzahn zwangsumgesiedelt, dort von NS- »Rassenforschern« untersucht und 1943 nach Auschwitz deportiert., wo ein Großteil seiner Familie ermordet wurde. Rosenberg selbst kam dann nach Buchenwald, Dora und Bergen- Belsen – und überlebte. Vom Weiterleben in Deutschland berichtet Rosenberg erschütternd, einprägsam und lakonisch. Der Schriftsteller Ulrich Enzensberger hat die Geschichte behutsam aufgezeichnet und mit klugen Anmerkungen versehen. Ein notwendiges, aktuelles Buch, angesichts des noch immer erschreckend gesellschaftsfähigen Antiziganismus.

 

Einen lesenswerten Essay zu „Europas ungeliebten Minderheit“ hat der Historiker Wolfgang Benz in der taz geschrieben. Mehr Literatur zum Thema gibt es auch bei der Heinrich Böll Stiftung.

 

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