Philip Krömers Debüt „Ymir“

Oder: Aus der Hirnschale der Himmel

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„Alles, was Sie tun müssen, um Zutritt zu
meiner Geschichte zu erhalten, ist, diese
Seite als schwere Eichentür zu begreifen.
Und anzuklopfen.
Klopfen Sie!“

Nun denn, ich habe geklopft, die Türe geöffnet und bin eingetreten. Was ich hinter der schweren Eichentür gefunden habe, hat mich tatsächlich sehr überrascht. Aber beginnen wir doch am Anfang.

Wir schreiben das Jahr 1939. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges steht unmittelbar bevor, als sich eine kleine Expeditionstruppe aus Deutschland nach Island aufmacht, um nicht weniger zu finden als den Ur-Arier. Die drei, das sind der Ich-Erzähler Karl, dem aufgetragen wurde die Geschichte dieser Forschungsreise zu erzählen, ein SS-Mann – von Karl lediglich „KleinHeinrich“ genannt – und der Ahnenforscher „VonUndZu“, der nicht nur Forschungsgegenstände, sondern auch sein Koffergrammofon mitsamt der Wagner-Platten im Gepäck hat.

Nach einem turbulenten Flug, kommen die drei durch einen Bunker zum Ziel bzw. Ausgangspunkt ihrer Expedition, einem schier endlosen Gang, der sich ins Erdinnere schlängelt und durch den ein steter Wind geht. So beginnt eine Reise in die Dunkelheit oder wie Karl es beschreibt in die körperlichen Tiefen des Riesen aus der nordischen Mythologie – Ymir. Wie die Sage es will, soll aus seinem Körper die Erde entstanden sein.

„Äähm Ymir. Aus dem erschlagenen Ymir ist die Welt geformt. Zuerst ist nichts, nicht Erde, nicht Himmel, nur Ymir, der Riese. Er ist folglich Nichts. Im Kampf erschlagen Odin und seine Brüder den einsamen Riesen und erschaffen aus seiner Leiche die Welt.“

[…]

„Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,

aus dem Blute das Brandungsmeer,

das Gebirg aus den Knochen“

„Na also, Karl, sagt der die Edda her wie seinen Goethe.“

„die Bäume aus dem Haar,

aus der Birnschale der Himmel.“

„Aus der?“

„Äähm HIRNschale.“

Die Expedition geht durch Luftröhre, Magen und Darm immer tiefer hinunter bis zu Ymirs Anus. Schon nach kurzer Zeit hat die Gruppe ein erstes Opfer zu beklagen, der SS-Mann KleinHeinrich stürzt in die Tiefe und stirbt. Zu zweit geht die Suche nach dem Vorfahren der Arier weiter. Ob sie dort unten etwas oder jemanden finden, verrate ich aber dann doch nicht.

Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel ist der Debütroman von Philip Krömer, der bereits beim Open Mike auf sich aufmerksam machte. Und es scheint, als habe der junge Autor bereits seine literarische Stimme gefunden, eine ungewöhnliche Stimme, wie ich meine. Natürlich erinnert die Geschichte an Jules Vernes 1864 erschienenen Roman Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, wo eine ebenfalls dreiköpfige Truppe vom isländischen Vulkan Snæfellsjökull aus den Abstieg in die Tiefe wagen. Aber mehr als nur die reine Handlung lässt Vergleiche zu Werken aus dieser Zeit zu. Auch der Ton, der Sprachstil des Ich-Erzählers lassen einen an Fantastik-Literatur aus der Zeit Jule Vernes denken.

Krömers Roman ist nicht nur überaus fantasievoll und durchweg skurril, sondern vergnügt den Leser an vielen Stellen mit komischen, teils ironischen Passagen. Aber nicht nur das. Auch visuell macht das im jungen homunculus Verlag erschienene Buch Spaß. Die Kapitel werden  durchweg mit anatomischen Illustrationen eines medizinischen Lehrbuches von 1938 begleitet, die das Gelesene veranschaulichen oder die gerade erreichte Station in Ymirs Körper anzeigen. Ein rundherum schönes, ein lesenswertes Buch.

„Holen Sie tief Luft, mir ist durchaus bewusst, dass nicht nur das Erzählen eine aufreibende Tätigkeit sein kann, sondern auch das Zuhören.“

 

 

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Philip Krömer
Ymir oder Aus der Hirnschale der Himmel

homunculus Verlag, 2016
216 Seiten
ISBN 978-3-946120-18-6
19,90 EUR

 

 

 

9 Kommentare zu “Philip Krömers Debüt „Ymir“

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