Über das Lieben und das Scheitern

Nora Bossong: 36,9°

In ihrem neuen Roman 36,9° erzählt die in Berlin lebende Autorin Nora Bossong die Geschichte des italienischen Intellektuellen Antonio Gramsci und strickt um sie einen weiteren Erzählstrang um den Gramsci-Forscher Anton Stöver. 

Es gibt nicht viele marxistische Theoretiker des 20. Jahrhunderts, die heute sympathisch sind, die sich nicht vom Stalinismus haben vereinnahmen lassen. Einer von jenen ist der italienische Schriftsteller, Philosoph, Journalist und Politiker Antonio Gramsci. Der körperlich kleingewachsene, jedoch intellektuell überaus große Mitbegründer der italienischen Kommunistischen Partei war Vorbild für die 68er-Bewegung insbesondere in den romanischen Ländern und beeinflusste Denker wie Michel Foucault, Pier Paolo Pasolini, Ernesto Laclau oder Edward Said.

Der 1891 in Sardinien als Angehöriger der albanisch-stämmigen Minderheit der Arbëresh geborene Gramsci wuchs in bettelarmen Verhältnissen auf. Sein Großvater war 1821 nach Italien geflüchtet, seinen Vater hatte die Suche nach Arbeit auf die Insel Sardinien geführt. Als Dreijähriger ließ ein Kindermädchen den kleinen Antonio so unglücklich fallen, dass die entstandenen Verletzungen ihm  einen Buckel bescherten. Zeit seines Lebens litt er unter einer Knochentuberkulose, die seine Wirbelsäule angriff und ihm ein verwachsenes Aussehen gab.

„Wenn jemand klein war und ausgerechnet als Mann, wenn er so wenig maß, dass es den anderen wie eine Verwachsenheit, ja wie eine Verzwergung erschien, dann sollte er sich entweder an einem bestimmten Punkt des Lebens von der Sinnlichkeit verabschieden […] Oder aber er trainierte sich ein solches Übermaß an Sinnlichkeit an, dass sie die Umgebung stutzig machte, dass man nicht mehr aus noch ein wusste und niemand mehr sah, wer er war oder was oder wie groß.“ (aus 36,9°, S.12)

Und das war dieser Mann – übergroß in seinem Denken und in seinem Fühlen. „Wie oft habe ich mich gefragt, ob eine wirkliche Beziehung zu einer Masse von Menschen möglich ist für jemanden, der nie einen Menschen geliebt hat.“ Ohne die Liebe, so Gramsci, ist eine klassenlose Gesellschaft gar nicht denkbar.

Seine persönliche Liebe findet der Marxist bei einem Kuraufhalt in Russland, wo er sich unsterblich in die Musikerin Julia Schucht verliebt. Die beiden heiraten, führen jedoch eine Ehe auf Distanz. Sie in Moskau, wo auch die beiden Söhne geboren werden, er in Italien, wo er das Aufstreben Mussolinis verhindern will. Von den Faschisten am 8. November 1936 verhaftet, muss er über zehn Jahre im Gefängnis verbringen. Hier schreibt er seine Gefängnishefte, die später weite Verbreitung finden werden. Erst als Todgeweihter wird er entlassen und stirbt wenige Tage später. Seine Familie konnte er nicht mehr sehen.

Um diese Geschichte des tragischen Revolutionärs herum spinnt Nora Bossong einen zweiten in der gramsci-zitatGegenwart spielenden Erzählsprung und vermischt so Fakten mit Fiktion. Sie erzählt von dem gescheiterten Universitätsprofessor und Gramsci-Forscher Anton Stöver, der nach Italien reist, um einem verschwundenen Heft Gramscis auf die Spur zu kommen. Nicht nur seine Karriere ist beendet, auch seine Ehe ist ein Trümmerhaufen. Diese zweite Erzählebene, die Suche nach Gramscis verloren gegangenem Nachlass wirkt dabei etwas zu konstruiert. Bei allen Parallelen bildet Stöver den Gegenpol zu Gramsci. Beide arbeiten in Rom, beide verlieben sich im Laufe der Handlung, beide scheitern in der Liebe und in gewisser Weise bei ihrer Arbeit. Gramsci verbringt zehn Jahre im Gefängnis, Stöver zwölf Jahre erfolglos in der Göttinger Universität. Während Gramsci aber zartfühlend, fein, schüchtern und humorvoll ist, wird der Schwerenöter Stöver mit seinem Zynismus und seiner Arroganz zum Anti-Gramsci.

Ist es sinnvoll, heute über einen Marxisten zu sprechen, der 1937 gestorben ist? Ja, im Falle Gramscis ist es das unbedingt. Antonio Gramsci sah Intellektuelle als Leiter und Organisatoren von gesellschaftlichen Prozessen, die wiederum Einfluss auf die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse ausüben. Der von ihm als integral bezeichnete Staat beinhaltet neben Institutionen der Bürokratie auch die Zivilgesellschaft. Diese versteht er als Gesamtheit aller nichtstaatlichen Organisationen, die den Alltagsverstand und die öffentliche Meinung beeinflussen. Genau hier werden die Auseinandersetzungen um die kulturelle Hegemonie ausgefochten. Diese kulturelle Hegemonie stellt einen Konsens dar, nach dem Herrschaftssysteme vermittelt werden, sowohl in der Zivilgesellschaft als auch in sogenannten Hegemonieapparaten wie das Erziehungswesen, Integrations- und Bildungssysteme und sonstige Vereinigungen. So werden Menschen ohne wahrnehmbaren Zwang davon überzeugt, in der „besten aller möglichen Welten“ zu leben. Ein Prinzip, das auch in der Feminismusdiskussion aufgenommen wurde, um so Funktionsweisen geschlechtsspezifischer Unterordnungsverhältnisse zu erklären.

Gramscis Konzept einer offenen Zivilgesellschaft ist heute noch immer aktuell. Gerade in Debatten um die Flüchtlingskrise kann man nicht genug von und über Gramsci lesen, um zu erkennen, dass Emotion und Vernunft Hand in Hand gehen sollten. Das gilt auch für Emotionen wie die diffusen Ängste, von denen derzeit viele Menschen befallen werden.

titel-bossongNora Bossong: 36,9°
Hanser Verlag, München,
317 Seiten,
19,90 Euro,
ISBN 978-3-446-24898-4.

 

 

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1 Kommentar zu “Über das Lieben und das Scheitern

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