“Als Leser*in ist man Held*in der eigenen Lektüre ” – Ein Chat mit Eva Brunner

Gerade ist Eva Brunners Lyrikband "Achtung, die Naht" in der parasitenpresse erschienen. Ich habe mit ihr über die Heimat und die Poesie gechattet.
Eva, gerade ist bei der parasitenpresse dein Buch „Achtung, die Naht“ erschienen. Wie fühlt es sich an, den ersten eigenen Lyrikband in Händen zu halten?
Sehr gut, aufregend und etwas unwirklich. Ich habe vor 11 Jahren angefangen Lyrik zu schreiben, also eher spät. Aber seitdem war ein Band ein Ziel, erst noch sehr fern, dann zunehmend realistischer. Genug Material, das für mich infrage kam, um darauf aufzubauen und konkrete Pläne, einen Band zu formen, gab es erst seit etwa 1,5 Jahren und dann ging es zum Glück auch alles recht schnell. Jetzt fühlt es sich an, als sei mit dem Band nochmal ein ganzer Abschnitt abgeschlossen.
Also wie ein neues Kapitel der eigenen Identität, das aufgeschlagen wird. Im Klappentext heißt es: „Identität ist eine Textur, die immer wieder neu produziert wird, durch Erzählen, Erinnern und Zukunftsentwürfe.“ Gibt es überhaupt so etwas wie eine feststehende Identität oder ist Identität immer auch Konstruktion?
Haha, genau. Die Veröffentlichung könnte mich dazu veranlassen, meine Erinnerungen und Wünsche wieder stärker auf die eine meiner möglichen Identitäten hin zuzuspitzen, die der Autorin. Und auch mit meinem aktuellen Selbstbild macht das Buch etwas. Das ist zwar nicht falsch, aber auch nur eine mögliche Perspektive oder Variante. Nach der Theorie gefragt, ja, ich denke, dass Identität immer konstruiert ist. Das ist seit einigen Jahren ja auch Konsens, in den Geisteswissenschaften zumindest. Diese ganzen Theorien darum, "Narrative Identität" und so, haben mich viele Jahre beschäftigt, und auch besonders, inwiefern die lyrische Erzählsituation multiple Identitätsbilder begünstigt. Im Moment frage ich mich mehr, welche psychologische Funktionen diese permanenten Identitätskonstruktionen haben, wie viel Einheit und Vielschichtigkeit gut im Sinne von angenehm, aber nicht zu vereinfachend sind, und wie man Strukturen schafft, die bessere Erzählanlässe für Selbsterzählungen fördern. Immer wieder neue Identitätsentwürfe zu konstruieren kann ja ein Ergebnis von Reflexion sein und in dem Sinn positiv, zu viel losgelöste Selbstbeschäftigung aber auch negativ.
Wir kommen ja beide aus dem selben Provinznest. Im Gedicht „Siegen - Hagen“ beschreibst du eine Zugfahrt vom Siegerland ins Ruhrgebiet und auch in anderen Gedichten gibt es immer wieder Hinweise auf deinen Heimatort. Als jahrelange Berlinerin, die jetzt in Schweden lebt, was hat dich an deiner Zeit im Siegerland geprägt. Wie viel Siegerländerin steckt in deiner Identität?
Das ist die schwerste Frage bislang 🙂 Aber ich denke, dass mich das Aufwachsen im Siegerland natürlich sehr geprägt hat und überhaupt die Orte, an denen man lebt und die Menschen dort viel mit einem machen. Dem Siegerland stehe ich ganz ambivalent gegenüber, wie du wahrscheinlich vermutet hast. Gleichzeitig ist es mir immer noch vertraut, Ort so vieler Erinnerungen und ich finde es immer speziell dort zu sein, das lässt mich nie kalt. Als Kind fand ich es toll, als Jugendliche war es eigentlich auch spannend und es gab viele tolle Leute und Gruppierungen. Insgesamt ist mir der waldreichste Wahlkreis Deutschlands zu eng und zu düster. Obwohl ich diese Mischung aus Natur und Industriellem, dieses Mini-Ruhrgebiet im Wald, sehr verinnerlicht habe. Das Siegerland hielt ich wie alle Siegerländer dem Sauerland überlegen, Wittgenstein ist weiter weg von der Zivilisation, fand ich aber landschaftlich schöner. Und immer, wenn ich als Kind mal im Münsterland war, gefiel es mir mit seiner Weite und den roten Höfen viel besser...
Das wäre dann wohl eine Naht, die sich zumindest etwas gelockert hat. „Achtung, die Naht“ ist dein Debüt. Wie geht es in Sachen Lyrik weiter? Hast du Ideen, Pläne?
Ja, zum einen wird es natürlich mit den "Nähten" im Herbst ein paar Lesungen geben, vielleicht lässt sich ja sogar was in Siegen organisieren. Zum anderen freue ich mich sehr auf die Arbeit an neuen Texten, Ideen gibt gibt es, aber sie sind noch nicht wirklich spruchreif. Es geht in eine sprachspielerische Richtung, aber es werden sich auch wieder automatisch konkretere Inhalte einschieben. Mir ist es wichtig, dass es mehrere verschiedene Zugangsmöglichkeiten zu den Texten gibt und sie verschieden dicht sind. Es würde mich freuen, wenn sowohl Leute, die viele Lyrik lesen als auch Leute, die dies kaum tun, etwas damit anfangen könnten.
Das wäre natürlich ideal, gerade wo Lyrik im Vergleich zum Roman ohnehin einen schweren Stand hat. Was ich persönlich sehr schade finde, da es ganz großartige junge LyrikerInnen gibt, die es verdienen, gehört bzw. gelesen zu werden. Hast du literarische Vorbilder?
Ich würde diejenigen als Vorbilder benennen, die den größten Eindruck bei mir hinterlassen haben. Es gibt so viele gute und wichtige, vergangene und gegenwärtige Autor*innen, aber mir persönlich bedeuten Sylvia Plath, Anne Sexton und Robert Lowell viel, auch Gertrud Kolmar, außerdem Siri Hustvedt, und Zadie Smith mag ich auch. Neben den kleinen, guten Lyrikverlagen, schätze ich in Deutschland besonders den Verbrecher Verlag. Und das Verhältnis zu den Texten von schreibenden Freundinnen finde ich nochmal ganz speziell und prägend, hier kann ich Sibylla Vričić Hausmann und Elke Cremer nennen.
Nochmal zum Thema Lyrik allgemein. Findest du, dass zu wenig Gedichte gelesen werden? Wenn ja, warum sollten Leute mehr Lyrik lesen?
Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, nicht zu lesen und bin sehr froh, einen Zugang zu Lyrik zu haben. Leute sollten es immer wieder probieren, ohne ein konkretes Ziel, einfach schauen, was sie entdecken oder was sie komisch finden. Es ist mehr Abenteuer als einen Roman zu lesen, in dem Sinne, dass es viele Überraschungen jenseits einer Handlung gibt und auch die Lektüre des gleichen Buches jedes Mal noch unterschiedlicher ausfällt. Als Leser*in ist man Held*in der eigenen Lektüre und hat tausend Möglichkeiten, dem Text zu begegnen. Ob über Wortgruppen, einzelne Bilder, Mini-Handlungen, die Form, Sprachspiele oder unterschwellige Stimmungen. Im Format Lyrik kann sich auf wenig Platz so viel öffnen. Das ist exponentiell im Vergleich zu der lineareren Romanform. Der große Vorteil ist, dass auch ein einzelnes Gedicht, mal kurz zwischendurch, schon ein geschlossenes Erlebnis sein kann. Es ist aber auch eine Übungssache und je öfter man Lyrik liest, desto mehr Spaß macht es. Für die Gesellschaft wäre es gut, wenn junge Menschen lernen würden, einen anderen Zugang zu Lyrik zu finden als über die klassische Gedichtanalyse, da das Lesen von Lyrik Empathie, Kreativität und Reflektionsfähigkeiten fördert und ein bisschen wie Meditation ist.
Das klingt gut. Und Eigenschaften wie Empathie kann man ja heute gar nicht genug haben.
Ja. Lyrik bietet außerdem viel Platz für Ambivalenzen und Spielerisches. Lauter Eigenschaften, die einfachen Antworten entgegenstehen.
Eva Brunner, geboren 1980 in Siegen, studierte in Bochum, Berlin und Berkeley. 2015 wurde sie mit einer Arbeit über Confessional Poetry an der Humboldt-Universität promoviert. Sie arbeitet als Redakteurin in einer Berliner Kommunikationsagentur und wohnt in Uppsala/Schweden.

Eva Brunner Achtung, die Naht. Gedichte parasitenpresse 62 Seiten 10,- EUR

1 Kommentar zu ““Als Leser*in ist man Held*in der eigenen Lektüre ” – Ein Chat mit Eva Brunner

  1. Rita Petri

    Ein kluges, aufregendes Interview. Es macht Lust auf mehr Lyrik. Die Anregung von Eva Brunner, es einfach zu probieren, hat mich inspiriert. Ich habe “Achtung, die Naht” gelesen und bin begeistert. Ich hoffe, dass mehr Literatur von Eva Brunner erscheint. Übrigens freue ich mich darüber, dass ich so auf diesen Blog aufmerksam geworden bin. Vielen Dank Rita Petri

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