Rezensionen

Das Ende der Geschichte

lenin

Seit dem Ende der Sowjetunion sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen. Russland ist heute ein anderes Land. In ihrem Roman „Die Terrakottafrau“ erzählt die Sankt Petersburger Autorin Elena Chizhova vom Leben in den Zeiten des Umbruchs und dem Aufkommen einer neuen Ideologie – der Ideologie des Geldes und des Erfolgs.

 

Sankt Petersburg Anfang der Neunziger Jahre. Unter dem Namen Leningrad war die ehemalige Zarenstadt bald ein Dreivierteljahrhundert wie das restliche Russland Teil der Sowjetunion. Mit den Zusammenbruch des Sowjetsystems besteht die gewohnte Ordnung, nicht von jedermann geliebt, aber vertraut, mit einem Mal nicht mehr. Es ist eine Zeit, in der viele vor dem Nichts stehen – ihrer Aufgabe beraubt und vor absolute Ungewissheit gestellt. Eine Zeit, so erzählt Chizhova, in der es vor allem an den Frauen war, Verantwortung zu übernehmen, da ihre Männer resignierten.

„Zivilisationen zerfallen langsam. (…) Den Zusammenbruch sehen erst die Nachkommen – diejenigen, die sich die Zeit nehmen, sie auszugraben. (…) Die Zivilisation, in der wir aufgewachsen sind, ist untergegangen und hat nichts als Gebäudeblocks aus Beton hinterlassen.“

Eine dieser Frauen ist die Literaturwissenschaftlerin Tatjana. Früher lehrte sie Russisch an der Universität, heute gibt sie Nachhilfe und steht Ewigkeiten in den Schlangen vor der Lebensmittelausgabe an, um trotz der begrenzten Mittel ihrer Tochter etwas zu essen auf den Tisch stellen zu können. Die neue Gesellschaftsordnung verspricht viel. Ein Leben dem im wohlhabenden, freien Europa gleich. Doch diese Gesellschaft teilt ihre Bürger auch ein – in Gewinner und Verlierer. Tatjana gehört wie viele zu letzteren. Noch, denn als sie den aufsteigenden Geschäftsmann Friedrich kennenlernt, der sie anwirbt, ändert sich ihr Leben schlagartig. Sie verdient auf einmal ein Vielfaches dessen, das sie vorher erhielt und wickelt dubiose Import-Export-Geschäfte für den neureichen Emporkömmling ab, inklusive der Fälschung von Zollpapieren. So kann sie zwar ihre Tochter, ihre Freundin sowie deren Sohn ernähren, gerät aber immer tiefer in die Schwarzmarkt-Machenschaften ihres neuen Arbeitgebers.

Die schöne neue Welt entpuppt sich als eine Welt des Raubtierkapitalismus. Eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt, in der Menschen, die eigentlich keine Wahl haben, vor die Wahl gestellt werden, Verlierer zu sein oder Gewinner, um so jedoch moralisch zu verlieren. Auch Tatjanas Illusion bricht irgendwann zusammen und sie wendet sich wieder dem Privatunterricht zu. Sie entscheidet sich bewusst dafür, auch wenn das für sie den sozialen Abstieg bedeutet.

„Die Terrakottafrau“ ist der neunte Roman der 1957 in Leningrad geborenen Elena Chizhova. Für ihr letztes Werk „Die stille Macht der Frauen“ erhielt die Vorsitzende der Sankt-Petersburger Sektion des PEN-Clubs 2009 den russischen Booker-Preis. Das aktuelle Buch ist durchaus anspruchsvoll und wird vielfach für den in der jüngeren, russischen Geschichte unbewanderten Leser erst durch die zahlreichen Anmerkungen der Übersetzerin Dorothea Trottenberg verständlich. Aber auch erzähltechnisch fordert Chizhova ihre Leser. Auf Szenen in der Gegenwart folgen Passagen aus der Vergangenheit, ohne dass auf Anhieb klar wird, dass der Verlauf der Handlung nicht chronologisch ist.

Über ihr eigenes Erleben der damaligen Zeit erzählt die Autorin: „Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Sowjetbürger voller Hoffnung. Wir alle haben angenommen, dass das Leben sich sehr bald ändern und das Land ‚normal’ wird. Nicht so reich wie die USA, aber zumindest frei. Aber der Prozess wurde zunehmend härter, insbesondere für jene Männer und Frauen, die für ihre Familien und Kinder verantwortlich waren. Von Tag zu Tag wurde die Mehrheit der Menschen immer mehr gestresst und enttäuscht. Sie verloren ihre Träume.“ Vielmehr erinnern heute die Menschen, die in den Siebzigerjahren jung gewesen sind, die damalige Zeit als Tage des Glücks und die Sowjetunion als „ein großes Reich, das von jedem in der Welt respektiert wurde.“ Dabei wird ausgeblendet, dass Furcht und Respekt zwei völlig verschiedene Dinge sind. Elena Chizhova schafft es, spannend und eindrucksvoll ein glaubhaftes Bild vom Russland der sogenannten Wilden Neunziger zu zeichnen, in denen die Menschen nahezu orientierungslos waren, Pläne und Überzeugungen revidieren und sich mit einer ihnen bis dato unbekannten Gesellschaftsordnung arrangieren mussten. Der von Historikern als Ende der Geschichte bezeichnete Wendepunkt wurde für Millionen von Menschen zum Ende ihres gewohnten Lebens.

 

 

die_terrakottafrau-9783423260916Elena Chizhova: Die Terrakottafrau
Aus dem Russischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Dorothea Trottenberg
dtv premium
Deutsche Erstausgabe
448 Seiten
erschienen am 23. Oktober 2015

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