Bericht eines Schiffbrüchigen

seabird-768584_1280

Allein für den Titel muss man dieses kleine Buch von Gabriel García Márquez lieben: Bericht eines Schiffbrüchigen, der zehn Tage lang, ohne zu essen und zu trinken, auf einem Floß trieb, der zum Helden des Vaterlandes ausgerufen, von Schönheitsköniginnen geküsst, durch Werbung reich, gleich darauf durch die Regierung verwünscht und dann für immer vergessen wurde.

Márquez beschreibt hier die Geschichte des Matrosen Luis Alejandro Velasco, der auch als Ich-Erzähler auftritt. Velasco war Seemann auf dem kolumbianischen Zerstörer Caldas und wurde auf der Heimfahrt von US-amerikanischen Mobile mit weiteren Crewmitgliedern durch eine Welle von Bord gespült. Er konnte sich auf einem Rettungsfloß in Sicherheit bringen und verbrachte zehn Tage auf dem offenen Meer – ohne etwas zu essen oder zu trinken zu haben.

„Ich hätte nie geglaubt, dass ein Mann sich in einen Helden verwandeln kann, weil er zehn Tage in einem Floß zugebracht und Hunger und Durst ertragen hat.“

In einer unheimlich einfachen, nüchternen Sprache erzählt Velasco von seinem unfreiwilligen Abenteuer, vom Durst, der durch die Sonne verbrannten Haut, den pünktlich um fünf Uhr nachmittags erscheinenden Haien, aber auch von der Schönheit des Meeres, der Sonnenaufgänge, der Hoffnung und der Verzweiflung. Etwa als er versucht, eine im Floß gelandete Möwe zu rupfen, um sie zu verspeisen.

“Es war ein ganz zartes Tier. Bei der ersten Drehung fühlte ich, wie sein lebendiges warmes Blut zwischen meinen Fingern hindurchrann. Ich empfand Mitleid. Mir kam dies vor wie Mord. Der noch zitternde Kopf löste sich vom Körper und pochte weiter in meiner Hand.“

Die Erzählung geht auf einen authentischen Fall zurück, der sich in den 1950er Jahren in Kolumbien ereignete. García Márquez veröffentlichte sie zuerst 1955 als Erzählserie in der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador, für die er als Journalist tätig war. Während in vorhergegangenen Berichten über den Fall nie die Rede von der Ursache des Unglücks war, erwähnt der Matrose Velasco gegenüber García Márquez, dass der Zerstörer eine größere Menge geschmuggelter „Mitbringsel“ geladen hatte – etwa Elektroheizungen, Waschmaschinen und ähnliches – und somit überladen war. Die damalige Regierung Kolumbiens sah diese Behauptung als Verunglimpfung der kolumbianischen Marine an, der Autor fiel in Ungnade und ging ins Ausland. Auch die Zeitung wurde geschlossen, und García Márquez kehrte erst Jahre später in sein Heimatland zurück.

 

9783462037579Gabriel García Márquez:
Bericht eines Schiffbrüchigen
KiWi Verlag, Köln
ISBN: 978-3-462-03757-9
144 Seiten
16,90 EUR

0 Kommentare zu “Bericht eines Schiffbrüchigen

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: