James Baldwin - Von dieser Welt

James Baldwin – Von dieser Welt

Meine erste Begegnung mit James Baldwin war im vergangenen Jahr, als ich den Film I am not your Negro des haitianischen Filmemachers Raoul Peck für ein Onlinemagazin besprechen sollte. Ohne je ein Buch Baldwins gelesen zu haben, faszinierte mich seine Geschichte und vor allem das, was er sagte und was in O-Tönen im Film zu hören war. Damals schrieb ich:

Natürlich haben die USA die Zeiten der Sklaverei und der Rassentrennung hinter sich gelassen, doch die Notwendigkeit einer „Black Lives matter“-Bewegung etwa macht überaus deutlich, dass hier noch nicht alles aufgearbeitet wurde und dass noch lange nicht von Gleichberechtigung die Rede sein kann. Baldwin liefert auch den vermeintlichen Grund für den Hass gegenüber Schwarzen: „Die Wurzel für den Hass der Weißen ist Angst, eine unerklärliche, namenlose Angst, die sich auf die Horrorfigur konzentriert, die nur in ihrem Kopf existiert.“

Angefixt vom Film und den Worten Baldwins freute ich mich umso mehr, als ich bald die Nachricht von der Neuübersetzung seines Erstlingswerks Go tell it on the mountain von 1953 erhielt, die 2018 bei dtv unter dem Titel Von dieser Welt erscheinen sollte.

Von dieser Welt ist das hochgelobte Romandebüt James Baldwins, im Original 1952 erschienen. Es ist eine Familiengeschichte und zu Teilen Baldwins eigene Geschichte. Im Mittelpunkt steht der 14-jährige John Grimes aus dem New Yorker Stadtteil Harlem. Sein Stiefvater – ein launenhafter, strenger, zu Gewalt neigender Laienprediger, verdient seinen Lebensunterhalt als Fabrikarbeiter. Seine Mutter, die mit dem fünften Kind schwanger ist, scheint die einzige erwachsene Person zu sein, die ihn annähernd versteht.

„Die Küche war eng und schmutzig; nichts konnte ihren Zustand ändern, kein Einsatz konnte sie sauber kriegen. Schmutz klebte an den Wänden und auf den Dielen und frohlockte unter der Spüle, wo die Kakerlaken nisteten, haftete in den feinen Rillen der Töpfe und Pfannen, die täglich geschrubbt, über dem Herd hingen, klebte an der Wand, … Schmutz steckte in jeder Ecke, jedem Winkel und Riss des riesigen Herds und hauste dahinter in rauschhaftem Verbund mit der verrotteten Wand. Mit Scham und Schrecken und zugleich erboster Härte dachte John: Wer unrein ist, der sei fernerhin unrein.“

In den ärmlichen Verhältnissen, in denen John aufwächst, ist eines omnipräsent: die Religion. Sie gibt den Figuren, die schon auf Erden dazu verdammt sind, ein Leben am Existenzminimum zu führen und alltäglichen Rassismus zu ertragen, wenigstens die feste Hoffnung auf ein besseres Leben nach dem Tod.

Baldwin hat mich mit seinem Debütroman auf eine Weise beeindruckt, die ich schwer in Worte fassen kann. Vielleicht ist es die Sprache, vielleicht die bildreiche Schilderung der bedrückenden Lebensumstände. Wer eine wirklich gute und ausführliche Rezension hier erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Dafür verweise ich aber gerne auf die Besprechung des Romans in der FAZ von der jungen Autorin Sasha Marianna Salzmann.

James Baldwin
Von dieser Welt
dtv Literatur
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
320 Seiten
EUR 22,00

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