Krankheit zum Tode – Depression im Werther

Krankheit zum Tode – Depression im Werther

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In einer Woche ist der Tag der seelischen Gesundheit. Psychische Erkrankungen, vor allem  Angststörungen und Depressionen gehören zu häufigsten Krankheiten unserer Gesellschaft, sind aber kein neues Phänomen. Es gibt etwa 800.000 Selbstmorde pro Jahr. Laut einem Bericht der WHO nimmt sich alle 40 Sekunden irgendwo auf der Welt ein Mensch das Leben. Eine tragische Zahl. Vor noch 200 Jahren war die persönliche Tragik eines Freitodes begleitet von der Verdammung durch Mitmenschen und vor allem durch die religiösen Institutionen.

Im 18. Jahrhundert vollzieht sich unter dem Einfluss der Aufklärung ein Mentalitätswandel in der Beurteilung des Selbstmordes. Zum Anfang des Jahrhunderts gilt der Suizid als schwere Sünde im religiösen Sinne. Gegen Ende des Jahrhunderts stellt sich eine für die seelischen Zustände, die zum Selbstmord führen, werbende Haltung ein, welche beispielsweise in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ Ausdruck finden. Auch wird der Selbstmord nicht mehr strafrechtlich verfolgt.

Die „Bereitschaft, mit Empathie und Mitleid auf die Seelenlage Leidender, von Melancholie und Selbstmordgedanken gequälter Menschen zu reagieren“ entwickelte sich und es ergab sich „im Zusammenhang der aufklärerischen Anthropologie die Tendenz, den Selbstmord als eine Erscheinung innerhalb der Psychopathologie zu betrachten.“[1]

Es galt nun vielmehr, die seelischen und biografischen Hintergründe zu erforschen, die zum Selbstmord führen und dem präventiv entgegenzuwirken, statt den Suizid an sich zu verteufeln und zu sanktionieren. Mit der aufklärerischen Pathologisierung der Melancholie ergeben sich Möglichkeiten der Erklärung und gegebenenfalls der Therapie. Gegen den als reaktionär angesehenen pietistischen Geist „bildet sich eine Einheitsfront von aufgeklärten Anthropologen und philosophischen Ärzten, von Moralisten, Theologen und Literaten.“[2]

Werther und Lotte mit ihren Geschwistern / Bleistift- und Sepiazeichnung von Johann Daniel Donat
Werther und Lotte mit ihren Geschwistern / Bleistift- und Sepiazeichnung von Johann Daniel Donat

In der Zeit der Aufklärung kommt die Lehre des Menschen, die Anthropologie, auf. Sie beschäftigt sich intensiv mit körperlich-seelischen Zusammenhängen, wodurch die Melancholie zwangsläufig ein Untersuchungsgegenstand wird, dessen Ursachen es zu finden gilt. Auch der Philosoph Immanuel Kant beschäftigt sich mit der Melancholie. Sie wird bei ihm, wie auch in anderen anthropologischen Ansätzen, pathologisiert. Jedoch wertet er das Bild des Melancholikers auf und spricht ihm ein Gefühl für das Erhabene und eine besondere Standhaftigkeit zu. Trotzdem weist er darauf hin, dass eine Ausartung des melancholischen Charakters zu Schwermut, Schwärmerei etc. führen könne.

Entscheidend ist, daß Kant die fatalen Negativelemente auf ihren eigentlichen pathologischen Kern zurückdrängt und der Melancholie […] einen Freiraum für moralische Qualitäten schafft. Damit entlastet er den Melancholiker als Gegenfigur zur Aufklärung und öffnet […] in einer radikalen Wende den Weg zum melancholischen Genie.[3] Während die Anthropologie empirisch ausgerichtet ist, wendet die Erfahrungsseelenkunde sich individuellen Fällen zu. Einzelberichte über Melancholie-Patienten sind häufig im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, dessen Herausgeber Karl Philipp Moritz ist, zu finden.

Seit dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zeichnete sich eine Entwicklung zu einem neuen bürgerlichen Roman in Deutschland ab, dem empfindsamen Roman, welche einherging mit der Wandlung bestehender Moralvorstellungen und einer erstarkenden Empfindungstheorie. Nicht mehr öffentlich-repräsentative Begebenheiten, deren Schauplatz meist die höfische Gesellschaft war, sondern das Alltägliche, das Familienleben und private Lebensschicksale werden zum zentralen Punkt der Interesse. Die Empfindsamkeit ist geprägt von einem schwärmerischen, hypochondrischen Lebensgefühl, in dem Weltschmerz, Weltflucht und eben Melancholie ihren berechtigten Platz finden.

Der Freitod im zeitgenössischen Diskurs

Johann Heinrich Zedler definiert in seinem Universallexikon den Selbstmord verurteilend gemäß Thomas von Aquin:

„Der subtile Selbst-Mord ist, da man zwar nicht selbst Hand an sich leget; noch die Absicht hat, sich um das Leben zu bringen; gleichwohl aber Anlaß giebt, daß die Gesundheit verderbet und das Leben verkürtzet wird, welches auf verschiedene Art geschehen kann. […] Hernach durch eine unordentliche Lebens-Art, wenn selbige so beschaffen, daß die Gesundheit des Leibes dabey nicht bestehen kann, indem man entweder durch Fressen und Sauffen und andere Debauchen, ingleichen durch übermäßige Arbeit zu viel; oder durch ein geitziges und fiziges Wesen zu wenig thut; und also freventlich und ohne Ursach die Kräffte des Leibes schwächet, daß man vor der Zeit sein Leben beschliessen muß.“[4]

Hiernach bedingen Übermaß und Mangel den subtilen Selbstmord. Da nach theologischer Auffassung nur Gott selbst über Leben und Tod zu entscheiden hat, gilt der Selbstmord als Frevel und schwere Verfehlung. Der Freitod galt sogar als noch schwerwiegender als der Todschlag. Gemeinhin wurde die Leiche eines Selbstmörders mehr oder weniger verscharrt. Nur bei Vorliegen einer Unzurechnungsfähigkeit wurde eine christliche Bestattung, jedoch ohne Zeremoniell zugelassen.

Mit der Aufklärung änderte sich auch die Beurteilung des Suizids hin zu einer differenzierteren und milderen Betrachtung. 1764 schreibt Cesare Beccaria, dass der Selbstmord kein Verbrechen vor den Menschen sei, „mag er auch eine Schuld sein, die von Gott bestraft wird, da er allein auch nach dem Tode strafen kann.“[6]

Nicht zuletzt die literarische Strömung der Empfindsamkeit, die ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Leidenden aufweist, veränderte die Einschätzung des Selbstmordes. Im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde beschäftigt sich auch Karl Phillip Moritz mit dem Suizid und den Seelenzuständen, die zu ihm führen:

„Es hat Leute genug gegeben, die aus Gründen der Vernunft Hand an sich selbst gelegt haben, ob gleich jeder, der sich nicht an ihre Stelle setzen kann, glauben wird, daß die Leute etwas gescheidteres hätten thun können. Es ist aber auch hier gemeinglich nicht die Frage: was sie hätten thun können, sondern, was sie nach der einmal vorhandenen Folge ihrer Vorstellungen und Empfindungen durch einen unwillkürlichen Stoß ihrer Gefühle thun mussten.

Wer diesen Punkt nicht recht in Erwägung zieht, wird nie mit philosophischer Toleranz über den Selbstmord irgend eines Menschen ein gehöriges Urtheil fällen, und wird Menschen verdammen, die eher unser ganzes Mitleiden verdienten, und die der Himmel wohl nicht nach unsern Systemen richten wird.“[7]

Weiterhin wurde der Selbstmord natürlich nicht empfohlen und blieb auch in der Aufklärung ein Skandalon, aber ihm wurde vorurteilsloseres Verständnis entgegengebracht. Eine von philosophischer Toleranz geleitete Betrachtung sollte ein Aufhalten und Korrigieren des psychischen Prozesses mit therapeutischen Maßnahmen bewirken. Medizinisch tendierte man dahin, den Selbstmord als Resultat einer Krankheit einzuordnen. Das führte einerseits dazu, dass den Betroffenen eine entstehende Bestrafung erspart blieb und er christlich beerdigt werden konnte. Auch wurde so dem Selbstmörder das selbstbestimmte Handeln abgesprochen, da dieses Handeln als Ergebnis einer organischen oder psychischen Störung gesehen wurde. Trotz der fortschrittlichen Betrachtung des Suizids, blieb dieser nicht allein Gegenstand eines psychologischen oder sozialkritischen Diskurses, sondern entfachte weiterhin theologische und philosophische Diskussionen.

Melancholie und Suizid in Goethes Werther

In seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ berichtet Goethe, der Selbstmord des Juristen und Gesandtschaftssekretärs Carl Wilhelm Jerusalem habe ihn zu „Die Leiden des jungen Werther“ inspiriert. Liest man die Beschreibung Jerusalems in Goethes Autobiografie, so wird man deutlich an den Werther erinnert:

„Seine Kleidung war die unter den Niederdeutschen, in Nachahmung der Engländer, hergebrachte: blauer Frack, ledergelbe Weste und Unterkleider, und Stiefeln mit braunen Stolpen. […] Er nahm an den verschiedensten Produktionen teil; besonders liebte er solche Zeichnungen und Skizzen, in welchen man einsamen Gegenden ihren stillen Charakter abgewonnen hatte.“[8]

Goethe erfährt von Jerusalems Suizid in Wetzlar durch einen Brief von Johann Christian Kestner Anfang November 1772. Kestner versucht in diesem Brief, Jerusalems Tat zu erklären und verzichtet dabei auf Verurteilungen. Hierbei führt er zwei Gründe an, die als Auslöser der Selbsttötung Jerusalems gelten: berufliche Schwierigkeiten mit seinem Vorgesetzten und seine unerwiderte Liebe zur bereits verheirateten Elisabeth Herd. Kestner zeichnet die aufeinanderfolgenden Enttäuschungen und die Fixierung auf einen Verdruss auf, der dazu führen könne, dass eine normale Traurigkeit in die Anomalie der Melancholie umschlage. Die Tat rief Irritationen hervor, da für sie kein rationaler Grund gefunden werden konnte. Verstärkt wurde diese Irritation durch die Tatsache, dass Jerusalem vor seinem Tod finanzielle Angelegenheiten regelte, Abschiedsbriefe verfasste und Schriftstücke auf seinem Schreibtisch zurechtlegte, somit zielgerichtet und rational vorging, also Herr seiner Sinne gewesen zu sein schien. Dennoch führte Jerusalem kein Motiv für seine Handlung an.

Goethe greift diverse Aspekte des Falles im Werther auf. So etwa die unerwiderte Liebe zu einer bereits liierten Frau, die intrigante Gesandtengesellschaft, die Art der Ausführung des Selbstmordes und vor allem die Symptome der Melancholie.

Betrachtet man Goethes Jugendwerk als eine Krankengeschichte, so kann man bereits in den auf Mai datierten Briefen eine recht zweifelsfreie Diagnose stellen: die melancholische Veranlagung Werthers. Zunächst finden seine seelische Instabilität, die Unfähigkeit, sich in gesellschaftliche Gruppen zu integrieren, die Schwärmereien und nicht zuletzt seine latente Suizidneigung nur beiläufig Eingang in seine Briefe an den Freund Wilhelm.

Thorsten Valk unterteilt in der Studie „Melancholie im Werk Goethes“ das erste Buch des Werther-Romans inhaltlich in drei Abschnitte: Im ersten Teil des ersten Buches erscheint Werther als gebildeter junger Mann mit einer tiefen Verbundenheit zur Natur. Er ist ein aufmerksamer Beobachter, der herzliche Kontakte zu den einfachen Menschen pflegt und seine Eindrücke gelegentlich künstlerisch in Zeichnungen festhält. Nur zwischen den Zeilen erkennt man bisweilen zur Melancholie neigende Wesenszüge. Bereits zu Beginn des Romans wird lässt sich erahnen, dass Werthers Ortswechsel mit der Milderung seelischer Konflikte zusammenhängt und mehr eine therapeutische Aufgabe erfüllen soll als nur die Regelung von Erbstreitigkeiten, die es beizulegen gilt. Wie in den Maibriefen deutlich erkennbar, entfaltet sich die gewünschte therapeutische Wirkung der Reise auch umgehend. Werther berichtet davon, wie er das zurückgezogene Leben genießt und ihm die Einsamkeit erst die tiefe Beobachtung der Natur ermöglicht.

In mehreren Andeutungen verteidigt Werther den unter der Melancholie leidenden Menschen und auch den Selbstmörder als Kranken, etwa im Gespräch mit Albert. So schreibt er im Brief vom 1. Juli:

„Vermagst du, wenn ihre innre Seele von einer ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?“[9]

Die krankhaften Wesenszüge, die anfangs nur am Rande erkennbar sind, wachsen im Fortlauf der Handlung zu einer tiefen depressiven Erkrankung, die schlussendlich sogar in seinem Tod münden. Nachdem Werther Bekanntschaft mit Lotte gemacht hat, entwickelt sich seine leidenschaftliche Zuneigung zu ihr ihn zum Dilemma. Einerseits erwecken die mit Lotte verbrachten Momente bei ihm Glücksgefühle und eine geradezu narzisstische Steigerung seines Selbstwertgefühls, andererseits darf die Beziehung aufgrund Lottes Verlobung und späterer Heirat mit Albert nicht über eine rein platonische hinausgehen, was zur Unterdrückung von Werthers erotischem Verlangen führt. Er stilisiert in Folge dessen Lotte zur Heiligen und seine Liebe zu ihr als über körperliches Verlangen erhaben. Werthers depressive Erkrankung äußert sich in mehreren Symptomen, insbesondere seiner seelischen Instabilität, seinem Wirklichkeitsverlust und seiner Antriebslosigkeit, auf die nachfolgend im Einzelnen eingegangen werden soll.

Immer wieder sind starke Gefühlsschwankungen Werthers beobachtbar. Bereits in den Maibriefen beschreibt er diese selbst:

„Wie oft lull ich mein empörendes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast Du nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch ich Dir das zu sagen, der Du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung, und von süsser Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehn zu sehn. Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet.“[10]

Die scheinbar schon seit längerem beim Werther ausgeprägte Depression zeigt deutlich manische Züge, da seine Stimmung von Hochgefühlen zu tiefer Betrübtheit wechselt. Diese krankhaften Züge verstärken sich später nach dem Zusammentreffen mit der Amtsmannstochter Lotte, für die er starke Gefühle entwickelt. Auch ohne äußere Einflüsse schlägt Werthers Stimmung von Euphorie in tiefe Verzweiflung um. Er ist nicht in der Lage, seine Hochstimmungen zu stabilisieren.

Neben diesen ausgeprägten Stimmungsschwankungen charakterisiert ein gewisser Wirklichkeitsverlust Werthers depressive Erkrankung. Sein überreiztes Wahrnehmungsvermögen verfälscht Werthers Perzeption der Umwelt und überspitzt diese. Besonders im Verhältnis zu Lotte wird dies deutlich, in die er Charaktereigenschaften projiziert, die ihm selbst fehlen: „So viel Einfalt bey so viel Verstand, so viel Güte bey so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bey dem wahren Leben und der Thätigkeit.“[11]

Werthers Briefinhalte drehen sich mehr und mehr um Lotte, die er idealisiert und die zentraler Punkt seiner Einbildungskraft wird. Die überzogene Einbildungskraft wird durch den Verlust des Sinns für die Wirklichkeit begleitet. Durch den Rückzug in eine unwirkliche Welt, verliert der Melancholiker zunehmend den Realitätssinn. „Auch Werther erlebt im Verlauf seiner Beziehung zu Lotte einen sich ständig steigernden Wirklichkeitsverlust. Bereits die erste Begegnung mit Lotte ruft bei ihm einen solchen Gefühlsüberschwang hervor, daß er die Signale der Außenwelt, die unmittelbar auf sein Sensorium einwirken, nicht mehr wahrnimmt.“[12]

Während Werthers Phantasien zunächst als gewollte Ausflüchte aus der Realität erscheinen, nehmen sie im weiteren Verlauf des Romans immer mehr krankhafte Züge an. Beispielsweise malt er sich den Fall von Alberts Tod und einem glücklichen Zusammensein mit Lotte aus: „Wenn ich mich so in Träumen verliehre, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn Albert stürbe! Du würdest! Ja sie würde – und dann lauf ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgründe führt, vor denen ich zurükbebe.“[13]

Neben den beschriebenen Symptomen ist bei Werther eine für Depression charakteristische Antriebslosigkeit oder, wie Thorsten Valk schreibt, Handlungshemmung auszumachen. „Werther ist nicht in der Lage, sich aus der prekären Situation zu befreien, in die er nach Alberts Rückkehr zusehends gerät. Er leidet zwar unter seiner problematischen Stellung in der Dreiecksbeziehung, ist aber außerstande, sich mit ihr konstruktiv auseinanderzusetzen und notwendige Entscheidungen herbeizuführen.“[14] So ist auch sein Entschluss, Lotte zu verlassen, nicht aus eigenem Willen entstanden, sondern auf Drängen seiner Mutter und seines Freundes Wilhelm, die er dann auch für seine ihm unerträgliche Situation verantwortlich macht. Den wohl einzigen Entschluss zu einer Handlung, den Werther fällt, ist der zum Suizid, welchen er ausführlich vorbereitet.

Aus moderner psychiatrischer Sicht ist der in Goethes Roman verwendete Begriff der Krankheit keineswegs als metaphorisch zu sehen.Allerdings kann im Hinblick auf den damaligen Stand der Erkenntnis eine Krankheit nur als Krankheit angesehen werden in einer Kultur, die sie auch als eine solche erkennt. Nach der Rückkehr Alberts verschlechtert sich Werthers Zustand und er thematisiert immer häufiger den Selbstmord in seinen Briefen. Insbesondere in seinem Brief vom 12. August ist der Suizid zentrales Thema. Er berichtet hier von einem Gespräch mit Albert, der eine entgegengesetzte Meinung zum Selbstmord vertritt.

„Die menschliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Gränzen, sie kann Freude, Leid, Schmerzen, bis auf einen gewissen Grad ertragen, und geht zu Grunde, sobald der überstiegen ist. Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Maas seines Leidens ausdauren kann; es mag nun moralisch oder physikalisch sein, und ich finde, es ist eben so wunderbar zu sagen, der Mensch ist feig, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt.“[15]

Werther verteidigt hier den Selbstmord gegenüber Albert und stellt ihn aus Ausgang einer tödlichen Krankheit dar. Die Entscheidung zum Selbstmord läge somit gar nicht im Ermessen des Selbstmörders. Die allgemeine Beschreibung dieser Krankheit zum Tode, welche Werther in dem Gespräch liefert, liest sich wie seine eigene Krankengeschichte und sucht seinen eigenen Freitod vorab zu entschuldigen. Neben der Krankheit Werthers stellt der Roman auch Ansätze der Therapie der Melancholie dar, etwa den Ortswechsel, der den Melancholiker von seiner Fixierung auf die eigene Krankheit ablenken soll.

Er beschreibt die Handlungseinschränkung des Melancholikers, aus der er sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Hinzu kommen „Ideen“, die als Zwangsvorstellungen gedeutet werden können, welche sich immer weiter beim Erkrankten festsetzen und seine Wahrnehmung der Umwelt verzerren. Tritt nun zu diesen Symptomen eine heftige Leidenschaft – in Werthers Fall die unbeantwortete Liebe zu Lotte – hinzu, verliert der melancholische Mensch seine „ruhigen Sinneskräfte“ und der Selbstmord bleibt der letzte Ausweg und ist somit Konsequenz des Leidens. Goethe nimmt mit der Schilderung des Krankheitsverlaufs und dessen tödlicher Zuspitzung im Selbstmord dem Suizid seine Sündhaftigkeit. Er legt dar, dass die Entscheidung zum Selbstmord nicht aus freiem Willen des Melancholikers erfolgt. Werthers Freitod ist somit letzte Konsequenz und Klimax seines als Krankheit anzuerkennenden Leidens.

Reaktionen auf den Roman

Eine Literaturgeschichtsschreibung, die den Zeitraum der Entstehung und Veröffentlichung des Werthers allein auf die Epoche des Sturm und Drang festlegt, kann die Wirkung, die der Roman erzielte, nicht erklären.

Es entwickelten sich drei Rezeptionstypen zu dieser Zeit. Der erste kann als ‚Werther-Fieber‘ umschrieben werden, also die erbauliche Konkretisation, weil hier das Lesemuster der Erbauungsliteratur weitergeführt wird. Der zweite Typ zeichnet sich durch eine didaktische Konkretisation aus, in der Fragen bezüglich Gesellschaft und Individuum oder dem Selbstmord diskutiert werden. Der dritte Rezeptionstyp reduziert den Werther auf eine triviale Liebesgeschichte, die ein Dreiecksverhältnis zum Inhalt hat.

Die frühesten Rezensionen des Romans lobten den Roman ohne Gefahren zu sehen, die von ihm ausgehen könnten. Erst als der Erfolg des Werthers Leserschichten erreichte, die noch keine Erfahrungen im Umgang mit fiktiver Literatur hatten, änderte sich dies. Es kam geradezu zu einer Welle von Nachahmern, die Werthers Leiden nachzuempfinden wünschten. Aufklärer kritisierten die fehlende pädagogische Komponente im Roman. Theologische Kritiker sahen im Werther gar eine Apologie für den Selbstmord, die schädlichem Einfluss auf die Gläubigen nehmen und besonders von jungen Leuten leichtfertig übernommen werden könne.

Goethe verteufelt den Melancholiker und Selbstmörder nicht, wie es beispielsweise theologische Kritiker tun, noch wirbt er für die Melancholie als musischen Zustand. Auch wenn im Roman stellenweise von süßer Melancholie die Rede ist, werden Melancholie und Freitod nicht verherrlicht. Die Leiden des jungen Werther haben wie kaum ein anderes Werk zu Beginn des 18. Jahrhunderts die psychopathologischen Züge der Melancholie zum Thema. Es gibt genügend Anhaltspunkte, die Werthers „Krankheit zum Tode“ als Depression erkennen lassen. Während die meisten zeitgenössischen Werke Partei für oder wider die Melancholie ergreifen, bleibt Goethes Standpunkt im Werther ein beobachtender, analysierender. Er verzichtet auf moralische Verurteilungen genauso wie er eine Idealisierung der Melancholie oder Verherrlichung des Freitodes vermeidet. Stattdessen helfen die scharfsinnigen psychologischen Beobachtungen dem Rezipienten, die Melancholie und die Entscheidung für den Selbstmord zu verstehen.

 

 

 

Quellen:

[1] Jürgen C. Jacobs: Cato und Werther: Zum Problem des Selbstmords im 18. Jahrhundert. Hg. v. Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste. Ferdinand Schöningh. Paderborn 2010, S.8

[2]Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Aufklärung. Melancholiker und ihre Kritiker in Erfahrungsseelenkunde und Literatur des 18. Jahrhunderts. Metzler, Stuttgart 1977, S.127

[3] Werner Nesbeda: Schwermut und Lyrik. Studien zur deutschen Romantik (Diss.). München 1991, S.39

[4] Artikel Selbstmord in: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. Bd. 36, Leipzig, Halle 1743, Sp. 1595 f.

[5] Jürgen C. Jacobs: Cato und Werther: Zum Problem des Selbstmords im 18. Jahrhundert. Hg. v. Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste. Ferdinand Schöningh. Paderborn 2010, S.11

[6] Cesare Beccaria: Über Verbrechen und Strafen. Hg. V. Wilhelm Alff. Frankfurt 1966. S.133

[7] Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte. Bd VI. Nördlingen 1986. Revision der drei ersten Bände dieses Magazins, S.208

[8] Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit. Reclam, Stuttgart 1998, S.584

[9] Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Text und Kommentar. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1994, S.36

[10] Ebenda: S.11

[11] Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Text und Kommentar. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1994, S.19

[12] Thorsten Valk: Melancholie im Werk Goethes. Genese – Symptomatik – Therapie. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002, S.75

[13] Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Text und Kommentar. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1994, S.81

[14] Thorsten Valk: Melancholie im Werk Goethes. Genese – Symptomatik – Therapie. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002, S.76

[15] Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Text und Kommentar. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1994, S.51

 

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2 Kommentare zu “Krankheit zum Tode – Depression im Werther

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