Adrian Kasnitz

Von der Ambivalenz des Scheiterns

Adrian Kasnitz – Glückliche Niederlagen

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Adrian Kasnitz / Foto: Dirk Skiba

Es kommt nicht allzu häufig vor, dass ich Lyrik lese. Es gab zwar durchaus Episoden, in denen ich Gedichte mehr oder weniger verschlungen habe – von Hesse über Neruda bis Bukowski. Dennoch konnte ich mit Prosa stets mehr anfangen.

Adrian Kasnitz
Das grün-goldene Buch

In einem Interview, das ich vor einiger Zeit mit dem Kölner Lyriker und Verleger Adrian Kasnitz gemacht habe, antwortete dieser auf meine Frage, ob man mehr Lyrik lesen solle: „Lyrik passt eigentlich viel besser zu unserem Lebenstil der Kurzmitteilung und reduzierten Aufmerksamkeit. Bei Lyrik reicht es schon, eine Seite zu lesen, und der Tag ist gerettet! Gedichte sind nicht immer einfach zu knacken, sie bieten aber meistens mehrere Lesarten, mehrere Ebenen an.“ Und so habe ich mir seinen neuen Gedichtband „Glückliche Niederlagen“, der kürzlich im Kölner Sprungturm Verlag erschien, einmal vorgenommen.
In dem Buch sind auf 80 Seiten Gedichte versammelt, die sich unter anderem mit dem Scheitern befassen – dem Scheitern als ambivalenten Topos, dem auch „das heimliche Glück“ innewohnt. Mehrere der Gedichte sind als Hommagen und Antworten an Schriftsteller wie Apollinaire, Nino Ferrer oder Mario Levi gedacht. Kasnitz beschreibt in ihnen nicht unbedingt die großen Gefühle und außergewöhnlichen Geschehnisse, sondern vielmehr das Kleine, das Alltägliche und Gewöhnliche, das er aus ungewohnter Perspektive betrachtet, so dass es befremdlich wirken mag. Befremdlich erscheinen mag auch, wie er mit Worten spielt, die Sprache biegt: „was dich ziefern macht und auf dich niederziefert“. Wer muss da nicht den Duden bemühen, denn was zur Hölle bedeutet „ziefern“?

Zerknüllen
Um diese Zeit fällt draußen der Regen

eine Schale darin schwimmt ein Papier

bloß ein Stück ein zerknülltes Briefchen

mit geschwärzten Rändern handschriftlich

selbst das Vernichten gelingt dir nicht

Sachlich könnte man seine Art zu schreiben nennen. Und im Gegensatz zu den meisten Prosastücken bewirken diese Gedichte, dass man nahezu jeden Text mehrmals gelesen haben will, haben muss, jede Zeile, jedes Wort von einer anderen Position aus beleuchten möchte, es auseinandernehmen, es knacken, um dahinter zu kommen. Und so forscht und untersucht man jedes Poem, um schließlich am Ende einen ganz eigenen Zugang zu finden, eine Tür, die vorher nicht da war, die vielleicht nicht einmal der Dichter selbst kennt oder deren Einbau ihm beim Schreiben nicht bewusst war.

 

kasnitz_klAdrian Kasnitz
Glückliche Niederlagen
 – Gedichte
Hardcover, Leineneinband
80 Seiten, 19 x 14 cm
Sprungturm Verlag, Köln
ISBN: 978-3-9816990-6-7
15,90 €

1 Kommentar zu “Von der Ambivalenz des Scheiterns

  1. Lyrik. Awesome. 😀
    Es kommt mir nicht immer leicht vor, darüber einladend zu schreiben. Ich finde Du hast hier einen sehr guten Weg gefunden!

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